Daniele Gatti und die Berliner Philharmoniker : Himmelfahrt mit Anlauf

Transzendentale Momente: Der italienische Maestro Daniele Gatti und die Berliner Philharmoniker führen Hindemith und Brahms auf.

Meister des opulenten Klangs. Der italienische Maestro Daniele Gatti.
Meister des opulenten Klangs. Der italienische Maestro Daniele Gatti.Foto: CAMI

Es ist dann die Reprise des Allegro con spirito von Brahms’ 2. Symphonie, die eine neue Welt eröffnet. Die hurtigen, leicht spukhaften Streicher-Viertel, diese Himmelfahrt mit Anlauf kleiden Daniele Gatti und die Berliner Philharmoniker bei der finalen Wiederkehr in ein derart zurückgenommenes und doch funkelndes Piano, das die Fortissimo-Eruption danach zur puren Gewalterfahrung wird. Da ist sie plötzlich, die Transzendenz, das mystische Moment, das man zuvor bei der Hindemith-Symphonie „Mathis der Maler“ vermisst hatte.

Hindemiths Orchesterwerk, inspiriert von drei Tafeln von Grünewalds Isenheimer Altar, entstand 1933/34 im Vorfeld der gleichnamigen Oper. Wegen des Künstler-versus-Macht-Stoffs nahmen die Nationalsozialisten die Uraufführung zum Anlass, den Komponisten gleich ganz zu verbieten. Auch das eine Geschichte über Introspektion und Gewalt. Bei Gatti sind Grünewalds/Hindemithts Engel weniger ätherische als äußerst agile Wesen. Hindemiths Polyphonie steigert er zum wilden Getümmel, und die Dämonen, die im Schlusssatz den heiligen Antonius heimsuchen, verbreiten weniger Schrecken als die scharf gerissene Generalpause vor dem Fugato-Einsatz.

Ästhetik der Leibhaftigkeit

Der italienische Maestro, der sich in Berlin lange rar gemacht hat, ist neuerdings öfter hier zu erleben. Letztes Jahr mit einem französischen Programm, ebenfalls am Pult der Philharmoniker, und erst vor wenigen Wochen mit dem Amsterdamer Concertgebouw Orchester, das er seit einem Jahr leitet. Der 55-jährige Dirigent ist ein Meister der Politur, des brillanten, opulenten, nach außen gewendeten Klangs. Brahms’ Zweite unterzieht er einer Tiefengrundierung, stärkt die Mittelstimmen, nie verliert er sich im Ungefähren. Daniele Gatti dirigiert mit weit ausholenden Armen, deutet Faustschläge an, stemmt Akkorde in den Saal, meißelt Melodielinien heraus. Und behält bei aller schwergewichtigen Physis doch eine natürliche Agogik bei, sorgt für unaufhörlich fließende, vorwärtsdrängende Bewegung.

Eine Ästhetik der Leibhaftigkeit, eine Musik mit kräftig pochendem Herzen. Nicht dass es nicht auch duftig wird im Ländler-Teil des Allegretto grazioso, und die Celli und Bratschen dürfen ihr Seitenthema im Kopfsatz in aller Süffigkeit vortragen. Aber was für ein ungeheuerlich wuchtiges Blech in der Stretta, nach dem Jenseitsmoment der Reprise: Diese Heiterkeit ist tatsächlich „veranstaltet“, wie schon Clara Schumann meinte. Himmelfahrten, weiß Gatti mit Brahms, sind harte Arbeit. Dieses Glück ist dem Kampf abgetrotzt.

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