Daniil Trifonov in der Philharmonie : Man vergisst fast zu atmen

Als "Klavierwunder" vermarktet ihn die PR-Maschinerie. Jetzt hat der junge russische Pianist Daniil Trifonov in Berlin gezeigt, was er wirklich drauf hat.

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Daniil Trifonov.
Daniil Trifonov.Foto: Dario Acosta

Mit Bachs d-Moll-Chaconne holt Daniil Trifonov das Publikum zu sich. Erwartungsvoll ist die Stimmung in der fast ausverkauften Philharmonie, die Luft schwirrt vor Neugier auf diesen so scheu wirkenden jungen Pianisten, der von einer massiven PR-Maschinerie als Klavierwunder vermarktet wird. Und sofort höchste Konzentration einfordert. Ein strenges Exerzitium hat sich der Russe auferlegt: Er spielt das Bach-Werk in Brahms’ Bearbeitung für die linke Hand. Mit mönchischem Ernst entfaltet er ein faszinierendes Spiel autonomer Linien, vielschichtig in Klangfarbe und Anschlagsdynamik. Hier ist kein bloßer Virtuose am Werk, sondern ein frühreifer Künstler von höchstem Einfühlungsvermögen.

Schuberts späte G-Dur-Sonate spielt er so, dass man fast das Atmen vergisst. Im choralartigen ersten Thema des Kopfsatzes wirken die harmonischen Ausweichungen wie Arme eines Gläubigen, der sich gen Himmel reckt, das zweite, das Walzerthema, schält sich aus nebligem Dunst. Eine Intimität entsteht hier zwischen dem Interpreten und seinen 2000 Zuhörern, als säße man beim armen Schubert in der Stube.

Trifonov ermöglicht die kollektive Versenkung, das wortlose Verstehen, ein intensives Nachfühlen. Ohr und Herz sind jetzt schon randvoll, doch der Pianist gibt noch Brahms’ aberwitzig schwere Paganini-Variationen drauf, lässt die Finger fliegen. Der Saal rast, die Erde hat uns wieder.

Nach der Pause folgt, zum Glück, keine weitere Wanderung durch schattige Seelenwinkel, sondern Rachmaninovs 1. Sonate. Ein wild wucherndes Werk, 1907 komponiert auf Goethes „Faust“, bei dem die Melodien zumeist im Dickicht der Nebenstimmen verschwinden. Ein Stück zum Sehen auch, wenn es Trifonov vor lauter Furor vom Hocker hebt oder er förmlich in die Tastatur hineinkriecht. Den Abend beendet er, wie er ihn begann, nur mit den fünf Fingern der linken Hand, diesmal mit Scriabin. Am 22. Mai ist Trifonov wieder in Berlin, mit Rachmaninows 2. Klavierkonzert und dem Pittsburgh Symphony Orchestra.