Kultur : Danilo, das Chamäleon

Die Berliner Akademie der Künste würdigt Johannes Heesters

Christiane Tewinkel

Man könnte mit seiner Kleidung anfangen, seinem „Arbeitskittel“, dem Frack, oder dem bestickten Danilo-Kostüm aus der „Lustigen Witwe“ am Münchner Gärtnerplatztheater. Man könnte sich an die Fan-Alben halten, in die emsige Hände Fotografien geheftet und Erinnerungen geschrieben, Herzen gemalt und Zeitungskritiken eingeklebt haben. Oder man schaut und hört ganz einfach den verschiedenen Medien zu, deren Entwicklung Johannes Heesters genial chamäleonhaft und dennoch beständig begleitet hat: Stummfilm. Schallplatte. Operette, Theater, Fernsehen und Kino.

Alle Wege führen in diesem Fall zu dem 1903 im niederländischen Amersfoort geborenen Künstler. Jedes noch so kleine Zeugnis hat denselben Abstand zur Mitte, zu einem Leben, das das gesamte 20. Jahrhundert des Entertainment umspannt. „Johannes Heesters – Auf den Spuren eines Phänomens“ heißt eine Ausstellung, die heute abend in der Akademie der Künste am Hanseatenweg eröffnet wird. Fernsehregisseur Rolf von Sydow wird zur Eröffnung sprechen, der Geehrte selbst wird kommen und „drei bis fünf Titel singen“ und das Salon Orchester Berlin begleiten.

Es ist ein liebevoll konzipiertes, gleichsam überdimensioniertes Erinnerungsalbum, das die Besucher der Akademie betreten. Politische Schlaglichter wirft die von Torsten Musial kuratierte Ausstellung nur hie und da, etwa in den konzisen Tafeln zur „Nationalsozialistischen Filmpolitik“ oder der „Fernsehgeschichte in Deutschland“. Doch sollten solcherart Fragestellungen zum politischen Kontext der Heesterschen Arbeit von Anfang an nicht im Mittelpunkt stehen. Archivdirektor Wolfgang Trautwein möchte denn auch die Berliner Ausstellung deutlich unterschieden sehen von der Schweriner Schau über Arno Breker, in der Heesters als Künstler präsentiert werde, der – anders als jener – seine Laufbahn nach dem Krieg ungehindert fortsetzen konnte.

Nachdrücklich weist Trautwein darauf hin, dass im Falle Heesters’ keinesfalls von einem „Profiteur“ des NS-Regimes gesprochen werden könne. Penibel zeigt die Ausstellung die entsprechenden Zeugnisse – Fotos von der Holland-Tournee mit dem jüdischen Operettenensemble von Fritz Hirsch, einen Brief an Goebbels, die Dokumente zur Aufnahme in die Reichsfilmkammer. Sechs Fotografien dokumentieren Heesters’ Besuch im KZ Dachau 1941; das ganze Gärtnerplatztheater-Ensemble war eingeladen worden. Ob Heesters seinerzeit auch für die Wachmannschaft gesungen hat, ist bis heute nicht klar. Von „Scham“ sprach er später. „Ich leugne den Besuch nicht, ich ordne ihn ein in mein Leben.“

Ausstellungsarchitekt Johannes Fischer, Sohn der Heesters-Tochter Nicole, hat anfangs eine Pappkulisse gesetzt, die den einladenden rotsamtenen „Hereinspaziert“-Vorhang gibt. Farbig sind dann die Ausstellungswände tapeziert, Heimeligkeit schaffend und zugleich einen lebendigen Kontrast zum Stuck, der oberhalb angebracht ist und in den Rahmungen der biographischen Tafeltexte zitiert wird. Heesters’ Karriere beginnt tatsächlich in beige-grauer Operetten- und Stummfilmvorzeit, in Belgien und den Niederlanden. Nach Deutschland kommt er erst, als mit der Zwangsemigration von Joseph Schmidt und Richard Tauber 1935 dringend ein neuer Tenorstern am Operettenhimmel gesucht wird. Hellblau färben sich nun die Akademieräume, als in der Nachkriegszeit Film, Schallplatte und Fernsehen immer wichtiger werden, der Hintergrund der „grandiosen Alterskarriere“ (Musial) hingegen ist rot gehalten wie das Leben des rüstigen Alten selbst.

Zwischendrin kann man sich an anderthalb Stunden Filmmaterial gütlich tun, darf sich den Frack des Meisters ansehen kann in einer Fernseh-Wohnzimmer-Garnitur Platz nehmen oder an einer Hörstation den großen, großartig begleiteten Schlagern lauschen, an denen im übrigen auch die Herbwerdung der einst überhellen, übersensiblen Tenorstimme nachzuvollziehen ist: „Ich bin leider, ach, so schüchtern, / Und das Reden fällt mir schwer, / Was ich sage, klingt so nüchtern / Als ob ich kalt und herzlos wär’.“ Und auch die über einhundert fein gerahmten Fotografien, die zahlreichen Fanbriefe und goldfarbenen Bambis hinterlassen den Eindruck einer semi-privaten Kennenlernstunde. Was gewissermaßen stimmt – Heesters selbst hatte der Akademie schon 2004 das eigene Archiv mit Erinnerungsstücken übergeben.

bis 22.10., Akademie der Künste, Hanseatenweg 10, Di-So 11-20 Uhr, Begleitprogramm mit Vorträgen und Filmen, Information unter www.adk.de/heesters.

0 Kommentare

Neuester Kommentar