Kultur : Danke, Donald

Der drohende Irak-Krieg, Verteidigungsminister Rumsfeld und die Identität des „alten Europa“: eine Tagung des Potsdamer Einstein Forums

Amory Burchard

Die Osteuropäer haben es besser. Für ihre jungen Demokratien, die den Kommunismus überwunden haben, hatten sie gleich ein Symbol zur Hand: Der Heilige Georg besiegt den Drachen. Die Europäische Union hat keinen Drachen. Aber rechtzeitig zur Europa-Konferenz des Potsdamer Einstein Forums am Wochenende bot sich der amerikanische Verteidigungsminister dem „alten Europa“ als Feindbild an. Europa, sagt Daniel Tarschys, Politologe aus Stockholm und ehemaliger Generalsekretär des Europäischen Rates, sollte doch wirklich anders Politik machen als die USA. In einer Gemeinschaft erwachsener gebildeter Menschen müssten es „gemeinsame Herausforderungen“ sein, die politisches Handeln motivieren und nicht amerikanische Kriegsabsichten.

Donald Rumsfeld, der drohende Irak-Krieg und das deutsch-französische Nein erhöhten den Druck auf die versammelten europäischen Intellektuellen, sich über den geistigen Überbau ihres gemeinsamen Hauses klar zu werden. „Europa braucht eine Vision!“, ruft Leoluca Orlando, Anti-Mafia-Kämpfer und ehemaliger Bürgermeister von Palermo. Drei Elemente, mit denen Europa zu sich selbst finden könne, sieht Orlando: die Wahrung der Menschenrechte, den Respekt vor der kulturellen Identität jedes Einzelnen und ein Ökonomie-Verständnis, das auf Entwicklung statt auf Reichtum setze. Europa müsse mehr werden als ein neues, mit den USA konkurrierendes Imperium. Für Susan Neiman dagegen, die Direktorin des Einstein Forums, sind es die „tief verwurzelten sozialen und demokratischen Werte“, die Europa einen und es dazu prädestinieren, „die moralische Führung in der Welt zu übernehmen“.

„Realizing Europe“ – so der fordernde Titel der von der Alfred-Herrhausen-Stiftung der Deutschen Bank mitveranstalteten Konferenz – bedeutet offenbar eine fieberhafte Suche nach gemeinsamen Werten. Gern wäre man gestärkt in die dramatische Woche gegangen, die heute mit dem Irak-Bericht der UN-Inspektoren beginnt.

Aber europäische Identität ist nicht so schnell zu haben, auch nicht Am Neuen Markt in Potsdam. Getagt wird nicht im dortigen Haus des Einstein Forums, sondern schräg gegenüber im „Kutschstall“. Die Architektur des Saales bringt den türkischstämmigen Berliner Autor Zafer Senocak in eine missliche Lage. Am Rande des Podiums halb hinter einer Säule versteckt, sieht er sich in die Rolle der Türkei gedrängt. Vor vielen Jahren eingeladen, bald der EU beizutreten, frage man sich jetzt, „ob die Türken überhaupt mit am Tisch sitzen dürfen“.

Wenn es um die Türkei geht, hat Kern-Europa plötzlich eine Identität. „Eine künstlich homogenisierte Identität“, wie Zafer Senocak feststellt: die Kultur des christlichen Abendlandes. Als islamisches Land soll die Türkei nun nicht dazu passen. Tatsächlich werde das in Westeuropa nicht sehr lebendige Christentum nun als „defensives Argument des europäischen Clubs“ wiederbelebt, sagt auch der Philosoph Otto Kallscheuer. Dabei sei die christliche Tradition ebenso heterogen wie der europäische Kulturraum. Wehmütig erinnere man sich an 1989: Als Europa die künftigen neuen Demokratien überschwänglich begrüßte und sogleich beschloss, über sich hinaus zu wachsen. Damals sprach niemand über die „christliche Kultur“ – außer dem Papst. Da ist sie wieder, diese tiefe Ratlosigkeit, die die Suche nach einer europäischen Identität begleitet.

Auch eine gemeinsame europäische Literatur, an der sich die Europäer orientieren könnten, existiert nicht. Franco Moretti, aus Italien stammender Anglist an der Stanford University, entschuldigt sich fast dafür. Selbst im 19. Jahrhundert, als ganz Europa die selben Bücher las – die großen Romane von Balzac, Zola und Dickens –, habe es keine europäische Literatur gegeben. Sondern mit Paris „das Hollywood des 19. Jahrhunderts“.

Trost spenden will die kroatische Schriftstellerin Slavenka Draculiç. Wir sollten nicht frustriert sein, dass wir so viele Fragen stellen und keine Antworten geben können, ruft sie ihren sichtlich verzweifelten Kollegen zu. Über europäische Identität zu diskutieren, bedeute doch schon, sie zu konstruieren. An diesem Prozess könnten alle Europäer teilnehmen, „sogar wir aus Südosteuropa oder aus Russland“. Am Ende hat Drakuliç einen Vorschlag, dem reihum nickend zugestimmt wird. Sie wirbt für ein „Sandwich-Modell, in dem wir regionale, nationale und europäische Identität übereinander schichten“.

Der US-Verteidigungsminister bekommt sogar noch ein aufrichtiges Dankeschön aus dem Publikum. Frei nach Rumsfeld könnte die Definition einer europäischen Identität lauten: Wir haben eine Menge Kriege ausgefochten in den vergangenen Jahrhunderten. Und wir haben etwas daraus gelernt.

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