Kultur : Dann platzt der Traum

RONALD BERG

Da liegt es nun wie ein Wackelpudding.Gelb, quallig und so groß, daß es fast das gesamte Berliner Zimmer der Galerie Gebauer einnimmt, aufgestützt auf mehr als ein Dutzend Baugerüststangen.Tritt man heran und berührt das Ding, stellt man fest: Es ist weich und glatt und fühlt sich gut an, so wie eine überdimensionale Brust.

Der Berliner Hans Hemmert hat mit seinen aufgeblasenen Ballons aus Naturlatex das Kunststück fertig gebracht, Skulpturen ohne Inhalt zu fabrizieren.Er hat damit eines der zentralen Postulate der Modere erfüllt, das da lautet: The Medium ist the Message.In Sachen Skulptur ist das Medium der Raum.Denn eine Skulptur ist nicht nur eine Behauptung im Raum, sie besetzt den Raum, wenn auch nicht unbedingt mit Inhalten, so in jedem Falle mit Volumen.

Konsequenz: Wenn das Kunstwerk selbst keinerlei Inhaltlichkeit behauptet, dann spielt der umgebende Raum genauso eine Rolle wie der, der durch das Kunstwerk eingenommen wird.Anders gesagt: Die Skulptur definiert den Raum als Raum minus des Volumens der Skulptur.Rachel Whiteread hat diesen Umstand - der Kontext macht die Kunst - zum Prinzip erkoren und auf die Spitze getrieben, indem sie die Kunst als erfüllte Leere begreift, und zwar bis an die Grenzen, wie sie durch die Wände eines Gebäudes oder Zimmers gezogen sind.Der Raum wird zur Negativform, die mit Beton ausgegossen wird.Der Beton gerinnt, die Schalung wird entfernt und die einstige Leere ergibt wieder eine Positivform.

Hemmert geht etwas anders vor.Nicht nur, daß seine Skulpturen temporäre Installationen sind.Läßt man die Luft aus dem Ballon ab, ist die Kunst zuende, übrig bleibt nur die ihrer Funktion beraubte schlappe Haut, die Membran zwischen Innen und Außen.Bedeutender als dieser Zeitfaktor ist der Umstand, daß der Künstler in den Ballon hineinsteigen und aus ihm heraus agieren kann.Das Kunstwerk greift so mittels des Künstlers buchstäblich in den Raum, grapscht nach allem, was sich nähert, nach Kind, Fußball und Einkaufstüten.

Hemmert hat dies durch eine Serie von Fotos (je 4900 DM) und durch ein Video (350 DM) dokumentiert.Der Ballon wird mobil, bewegt sich im Raum und fängt gar an zu tanzen.Zu Disco-Stampfern hüpft er rhythmisch im Takt, beult sich mal hier, mal da und gerät im wildes Zucken.Das Ganze dauert sieben Minuten und fordert dem schweißgebadeten Künstler im Inneren des Ballons alles ab.

Hier dreht sich das Verhältnis von Innen und Außen um.Die Leere im Inneren pulsiert, die Membran buchtet sich aus, sinkt zurück, das Volumen bläht sich auf und schrumpft.Der Künstler scheint dabei nur ein Notbehelf, ein unsichtbares Agens, um einen Sachverhalt in Bewegung zu setzen: Der Kontext des umgebenen Raums fehlt, und die innere Leere sucht nach Halt und Grenze.Andernfalls wäre das tanzende Ei nicht von so drolliger Komik.

Von innen sieht die Sache anders aus.Das Erlebnis läßt sich allerdigs nur an einer Leuchtkastenfotografie nachvollziehen, die Hemmert im Auto sitzend zeigt.Die aufgeblasene, gelbe Ballonhülle hat das Wageninnere gänzlich eingenommen und überzieht Dach, Sitze und Steuerkonsole wie ein Relief.Hier sitzt der Künstler in seiner Kunstblase, die Welt im gelblichen Schleier entrückt, aufgehoben wie im Uterus der Muse.Soll man ihn beneiden? So vollständig in die Sphäre der Kunst einzusteigen, gelingt ja nur für kurze Zeit, dann platzt der Traum.

Galerie Gebauer, Torstraße 220, bis 27.Februar; Dienstag bis Sonnabend 12-18 Uhr.Am 3.Februar um 19 Uhr findet im Neuen Berliner Kunstverein, Chausseestraße 128/129, ein Künstlergespräch mit Hans Hemmert und Katharina Meldner statt.

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