Kultur : Danny Boyles Verfilmung des Romans von Alex Garland

Ralph Geisenhanslüke

Stell dir vor, du hast ein Ticket zum Paradies - und die anderen sind schon da. Das funktioniert als Roman, aber nicht als Film. Nicht mal mit Leonardo DiCaprioRalph Geisenhanslüke

Alle wollen Urlaub machen - Tourist sein will niemand. Doch egal wie weit die Reise auch geht: Am Ende sitzen wieder alle beim Bier und im Fernsehen läuft Fußball. Das ist auch in Thailand nicht anders, dem ehemaligen Paradies der Rucksack-Reisenden. Bangkok, Phukett und Pattaya werden längst von lärmenden Horden heimgesucht, die Suff und billige Prostitution suchen. Aber auch alternative Ziele wie Ko Samui oder Ko Pangan sind keine Idyllen mehr, seit sie von einer internationalen Party-Gemeinschaft unter Techno-Dauerbeschallung gesetzt werden.

Ein Flug um die halbe Erde, zwei B-Movies, drei Plastikmahlzeiten, - und dann ist alles noch schlimmer als zu Hause. Richard ist enttäuscht. Er sucht, was viele suchen: den geheimen, unberührten Strand. So wie man ihn von den blau-weiß-grünen Fotos kennt - nur bitte ohne all die anderen Leute, die den Prospekt auch gelesen haben.

Alex Garlands Roman "Der Strand" rechnet vernichtend ab mit allen Flucht-Fantasien, die in einer rundum vernetzten und erschlossenen Welt noch bleiben könnten. Richard, sein Ich-Erzähler, bekommt von einem alten Traveller eine Karte geschenkt, die den Weg ins vermeintliche Paradies zeigt: Eine Insel, bewohnt von einer Aussteiger-Kommune. Dort, weit ab von der Zivilisation, herrschen Freiheit, Gleichheit und Sonnenschein. Scheinbar.

Kiffen macht doof

"Der Strand" konfrontiert die heile Hippie-Welt mit bitteren Einsichten: Freundschaften unter Urlaubern sind in der Regel nicht sehr zuverlässig, sagt er. Zuviel kiffen macht doof. Und: Das Paradies kann die Hölle sein, besonders wenn Freaks dort Lieder von Bob Marley zur verstimmten Klampfe singen. Erfahrungen, die viele Reisende teilen - wenn auch nicht in dieser grausamen Konsequenz.

Nach einem Hai-Angriff verreckt einer der Kommunarden jämmerlich an einer infizierten Wunde. Die anderen stellen sein Zelt in den Busch - und feiern eine Party. Als weitere Abenteurer die Insel betreten, denen Richard eine Kopie der Karte hinterließ, haben sie schon Surf-Bretter dabei.

Nun ist endgültig Schluss mit der Lagerfeuer-Gemütlichkeit. Garlands Bestseller, voller exotischer Träume und trotzdem mitten aus dem Leben, schien sich beinah von selbst zu verfilmen.

Alex Garland war sechsundzwanzig Jahre alt und ein weit gereister Nobody, bevor sein Buch erschien. Leonardo DiCaprio ist 25, kann nirgendwo unerkannt über die Straße gehen und taucht hier in seiner ersten Rolle seit dem Megaseller "Titanic" wieder auf. Regisseur Danny Boyle ist 43, und gilt seit "Trainspotting" als Spezialist für Geschichten über desillusionierte Mittzwanziger. Sein 40 Millionen Dollar teurer "Strand" ist mit schnellen Schnitten und der nötigen Dosis Big Beat auf der Tonspur sicherlich nah an der Altersgruppe.

Doch er hat die Geschichte in einigen Punkten geändert - zu Gunsten von romantischen Dialogen, sowie von Landschafts- und Unterwasser-Aufnahmen rund um die Insel Ko Phi Phi.

Leonardo darf lieben

Boyle nennt die Vorlage "eine Parabel über das moderne Leben", dem man nicht entgehen kann. Seinen Verfilmung kann man auch als Gleichnis dafür betrachten, wie einmalige, eigenwillige Vorlagen den Bedingungen der modernen Filmindustrie unterworfen werden.

Anders als im Roman, wo Richard vorwiegend an seinem Gameboy herum fingert, gönnt Boyle ihm einige Amouren. Leonardo DiCaprio soll nicht umsonst an seinen Pectoralis-Muskeln gearbeitet haben. Er bekommt mit Virginie Ledoyen und Tilda Swinton die Alpha-Weibchen der Kommune. Diese Rezeptur macht den Film zum sicheren Kassenfüller, nimmt der Geschichte aber ihre realistische Schärfe.

Scharf dagegen ist Robert Carlyle. Er stand während der Dreharbeiten eigentlich als Bösewicht Renard im letzten James Bond vor der Kamera. Carlyle nahm sich zwei Wochen Urlaub und spielte - offenbar ohne sich vorher abzuschminken - in "Der Strand" ein kleine, aber tragende Rolle als selbstmörderischer Drop-Out. Daffy, so heißt er, hat seinen Kopf jahrelang unter der Sonne Asiens gebraten und mit allen möglichen lokalen Drogen betankt. Für ihn sind alle Träume abgehakt. Wem die Welt nicht genügt, den trösten auch die Tropen nicht.Premiere: heute, 19.30 Uhr, Berlinale-Palast. Wiederholungen: morgen, 21 Uhr, Royal Palast, 14.2., 22.30 Uhr, International.

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