Kultur : "Dantons Tod": Blutkonserven der Revolution

Reinhard Kager

Im Burgtheater fließt Blut. Ziemlich viel Blut. Beim Kampf um die Heimat und bei der sozialen Revolution. Gleich zwei Schlüsselbegriffe der Gegenwart werden in Wien innerhalb einer Woche theatralisch reflektiert: Was kann Heimat bedeuten in einer Zeit der medialen Globalisierung? Was sagt uns Revolution im Zeitalter des radikalen Utopieverlusts? Fragen von zweifellos großer Brisanz, doch wurden sie das eine Mal falsch gestellt, das andere Mal szenisch schlecht umgesetzt.

Den Beginn machte ein 1910 entstandenes Stück von Karl Schönherr: "Glaube und Heimat" trifft gewiss einen der wundesten Punkte in der Geschichte ÷Österreichs, die Gegenreformation, deren mittelbare Folgen über den Absolutismus der Habsburger, den Austrofaschismus bis zum gegenwärtigen Schulterschluss der ÖVP mit der rechtsradikalen FPÖ verfolgt werden können. In einem künstlichen, knappen Bühnendialekt schildert der aus Tirol stammende Dramatiker die blutigen Vorgänge im ausgehenden 16. Jahrhundert am Beispiel des Bauern Rott, der von einem kaiserlichen Zwangsbekehrer genötigt wird, seinen Hof zu verkaufen und das Land zu verlassen, nachdem er sich geweigert hatte, dem Augsburger Bekenntnis abzuschwören. So sehr Schönherr in seiner "Tragödie eines Volkes", wie "Glaube und Heimat" im Untertitel heißt, auch Partei nimmt für die brutal verfolgten protestantischen Bauern, so problematisch ist dennoch der wohl nicht zu Unrecht mit der späteren "Blut und Boden"-Ideologie der Nazis in Verbindung gebrachte Text. Selbst Martin Kusejs schlüssige Inszenierung konnte den Verdacht nicht ausräumen, dass hier der Teufel mit dem Beelzebub ausgetrieben werden soll. Zu stark sind die eindimensional gezeichneten Figuren von einer falschen Heimatideologie geprägt, zu sehr wird eine geradezu starrsinnige Gläubigkeit, die Werner Wölbern als Rott mit einer ingrimmigen Wut exerziert, zum prägenden Motiv ihres Handelns.

Da nutzte es auch wenig, wenn Martin Zehetgrubers Ausstattung ein durch und durch verkommenes Bauerntum zeichnet: in einem düsteren, streng geometrischen Kobel, dessen mächtige Holzträger im fahlen Licht wie die Betonpfeiler nationalsozialistischer Herrschaftsarchitektur wirken. Ohne Dach ist das meterhohe Geviert, in das es unentwegt regnet, so dass sich der erdige Boden allmählich in dunklen Schlamm verwandelt. Ein Schweinekobel, in dem Menschen geschlachtet werden wie Vieh und die Leiber sich suhlen wie grunzende Ferkel.

Viel gebrüllt wird auch in dem Revolutionsmarathon Andreas Kriegenburgs. Obwohl beide an diesem siebenstündigen Abend gezeigten Texte eine grundsätzliche Skepsis gegenüber unkritischem Revolutionsgeheul formulieren: Schon Georg Büchner hatte in "Dantons Tod" hellsichtig erkannt, dass die zerstörerische Kraft der Revolutionen stets größer ist als ihr tatsächlich gesellschaftsveränderndes Potential. Ähnliche Zweifel hegte hundertfünfzig Jahre später auch Heiner Müller: "Der Auftrag", 1979 entstanden, reflektiert den geradezu verzweifelten Widerspruch, von der Notwendigkeit sozialer Veränderungen überzeugt zu sein und zugleich keine sinnvollen Strategien mehr zu deren Umsetzung angeben zu können. Da treffen sich die beiden Stücke in ihrem Zweifel an positiven Gesellschaftskonzepten - und sind in einer Zeit des radikalen Utopieverlusts brandaktuell.

Keine schlechte Idee folglich, beide Stücke unter dem Titel "!Revolution!" am Wiener Akademietheater miteinander zu koppeln. Ein Fresszelt mit Revolutionsgulasch vor dem Haus, Horrorkabinette und Holzguillotinen im Foyer ließen aber schon zu Beginn Schlimmes befürchten. Regisseur Andreas Kriegenburg versöhnte zunächst mit einem symbolhaften Bühnenraum: Wie ein riesiger Pappkarton wirkt das von Kriegenburg selbst entworfene Einheitsbild, das auch an einen löchrigen Bretterverschlag erinnert, durch dessen Ritzen kichernde Grisetten kriechen oder das schaulustige Volk gafft. Drei rot verschmierte Wände sind anfangs noch aufgestellt, ehe sie lautlos zusammenklappen wie das blutige Buch der Geschichte. Die abgerundeten Ecken des Raums deuten zugleich auf eine weich gepolsterte Gummizelle: die Revolutionäre in der Klapsmühle. Wahnwitzige Gesten lässt Kriegenburg auch seine Protagonisten in "Dantons Tod" vollführen: Brüllend erhängt das offenbar bereits grenzdebile Volk einen Aristokraten, zuckend zeigt Lacroix (Adrian Furrer) seine Angst, eine Lall-Etude vollführt Desmoulins (Michele Caciuffo), als Clown geriert sich schließlich Danton selbst, als er am Ende verzweifelt die Fahne der Revolution verspeist. Warum Roland Koch, der den Protagonisten schon zu Beginn mit resignativen Zügen ausstattet, vor dem Revolutionstribunal plötzlich eine aggressiv-schreiende Rede hält, ist freilich unklar.

Auch der Ansatz, Dantons Gegenspieler Robespierre (Wolfgang Michael) als latent Homosexuellen zu zeigen, dessen tollwütiges Morden die Wurzel in unausgelebter Sinnlichkeit hat, bleibt im Ansatz stecken. Mit solchen Unentschlossenheiten verwischt Kriegenburg klare Konturen. Die endgültige intellektuelle Kapitulation erfolgte dann in dem im selben Bühnenraum spielenden "Auftrag" Heiner Müllers. Gewiss ist der oft von langen Monologen bestimmte Text szenisch nicht einfach zu realisieren. Die Idee, die drei vergebens im fernen Jamaica agierenden Revolutionäre (Wolfgang Michael, Benno Ifland und Natali Seelig) als Zombies aus Sargnischen kriechen zu lassen, um sich dann mit Bühnenblut zu bespritzen, reduziert Müllers vielschichtige Reflexion aber zur langatmigen Farce.

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