Kultur : Darauf ruht kein Sägen

Horror auf Hochglanz: „Michael Bays Texas Chainsaw Massacre“ poliert den Gruselklassiker aus den Siebzigerjahren

Alexander Visser

Das Original, „The Texas Chainsaw Massacre“ von 1974, gab es lange nur unter der Ladentheke, etwa auf Englisch mit holländischen Untertiteln. Die Darsteller agierten auf Aktenzeichen-XY-Niveau, das wirkte realistisch. Die illegale Beschaffung, die kratzigen Bilder, der dumpfe Ton verschärften die Gruselwirkung: Auch deshalb wurde Tobe Hoopers Film um eine Gruppe Twens zum Horrorklassiker. Jetzt gibt es eine neue Version des Kettensägenmassakers, in der Leatherface in DVD-Qualität sägen darf. In den USA spielte sie über 80 Millionen Dollar ein.

Regisseur Michael Nispel kommt aus Deutschland und dreht Werbefilme und Clips in den USA, für Erfolgsprodukte wie die Spice Girls, Janet Jackson, Cher und Marlboro. Der Auftakt seines ersten Films wirkt wie ein Bacardi-Clip: Gut aussehende junge Menschen knutschen zu stimmungsvoller Musik im VW-Bus, bis ihnen eine verstörte Frau über den Weg läuft. Kaum im Wagen, schießt sie sich eine Kugel in den Rachen, deren blutige Flugbahn die Kamera begleitet. Beim Versuch, die Leiche loszuwerden, geraten die Protagonisten in ein texanisches Kaff – und bald näht sich der Kettensägenmörder wieder Masken aus den Gesichtern der Opfer.

Das Teenagermagazin „Mad“ hat einmal analysiert, warum der Streifen zum Klassiker wurde: weil die Opfer immer das denkbar Blödeste tun. Zum Beispiel die Gruppe aufteilen und an Orte fliehen, die nur einen Ausgang haben. Wer das komisch findet, kommt auch im neu aufgelegten Gemetzel auf seine Kosten. Um eine Neuinterpretation handelt es sich nicht – anders als Schlingensiefs „Deutsches Kettensägenmassaker“ von 1991: Das Remake des Unterground-Schockers ist lediglich die Version der Hollywood-Profis. Produzent Michael Bay („Pearl Harbor“, „Armageddon“) hat den Wert des Markennamens „Chainsaw Massacre“ erkannt und dem Produkt ein ordentliches Facelifting verpasst, das nicht auf Splatter-Ästhetik setzt, sondern auf die Mobilisierung von Zuschauerängsten, schnelle Schnitte und die TV-Schönheit Jessica Biel, die dem Monster am hübschesten widersteht. Gut, die Kamerafahrt über Leichenteile im Folterkeller ist nichts für zarte Gemüter, aber auch nicht schlimmer als das „Schweigen der Lämmer“.

Neu hinzugefügt ist eine Rahmenhandlung: Polizisten inspizieren das Horrorhaus von Leatherface und zeichnen den Ortstermin per Video auf. Spätestens die pseudo-dokumentarische Schlussszene erinnert jedoch an reale Horrorszenarien wie den Kannibalen von Rotenburg, der seine Tat ja auch auf Video festhielt. Am Ende ist die Wirklichkeit grausamer als das grauenhafteste Filmmonster. (In 13 Berliner Kinos, OV im CineStar Sony-Ccenter)

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