Kultur : Darf ich vorstellen: Andy und Roy

Die Galeristin Ileana Sonnabend kaufte Pop Art – und zeigt sie jetzt im Haus Huth

Katrin Wittneven

Selbstbewusst sieht sie aus. Fast trotzig wirkt es sogar, wie die Galeristin Ileana Sonnabend, das Kinn auf die zur Faust geballte Hand gestützt, an ihrem Schreibtisch sitzt. 1966 entstand die Aufnahme in ihrer Pariser Galerie, hinter ihr ein großes Gemälde von Roy Lichtenstein. Der war nur einer unter vielen Pop- Künstlern, denen ihre Gunst gehörte und die Meilensteine der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts wurden: Andy Warhol, Robert Rauschenberg, Jasper Johns oder Bruce Nauman. Zu ihren Kunden zählten die großen Museen der Zeit und die bedeutendsten Sammlungen.

Inzwischen ist die große Galeristin der Pop Art 88 Jahre alt. Etwas schmal wirkt sie in ihrem Rollstuhl, aber immer noch höchst interessiert taxiert sie mit Blicken die Ausstellungsräume von DaimlerChrysler Contemporary. Denn hier treffen zurzeit Arbeiten aus ihren privaten Beständen auf Neuankäufe der Firmensammlung des Automobilherstellers. Direkt an die zierliche Lady gerichtete Fragen beantwortet allerdings mittlerweile ihr Begleiter Antonio Homen, der seit Jahren bereits die Geschäfte der New Yorker Galerie führt. Dabei hätte sie so viel zu erzählen: Wie sie als Kind einer wohlhabenden rumänischen Industriellenfamilie im Kunsthistorischen Museum abgegeben wurde, wenn die Eltern in Wien zu tun hatten, oder wie sich die Braut Ileana in den Dreißigerjahren von ihrem künftigen Mann Leo Castelli zur Hochzeit anstelle eines Diamantrings ein Aquarell von Matisse schenken ließ.

Es war das erste Stück einer Sammlung, die sich in den folgenden Jahrzehnten immer wieder veränderte und bis in die Gegenwartskunst reicht. Längst sind die Werke der Klassischen Moderne und des abstrakten Expressionismus, die das 1941 nach New York emigrierte Paar anfangs sammelte, wieder verkauft worden. Zu sehr brannte die Leidenschaft für die Kunst ihrer Zeit: So kaufte Ileana Castelli 1957 von dem damals 27-jährigen Jasper Johns eine seiner „Figures“, im gleichen Jahr eröffnet sie mit ihrem Mann die legendäre New Yorker Galerie. Fünf Jahre später geht sie mit ihrem zweiten Mann Michael Sonnabend nach Paris, wo sie bald und für lange Zeit eine Schlüsselrolle für den Siegeszug der amerikanischen Kunst in Europa spielen wird.

Es gibt eine Reihe von Anekdoten darüber, wie die Galeristin bedeutende Werke zurückhielt, weil sie sich einfach nicht trennen wollte. Mit den Jahren entstand so eine der weltweit bedeutendsten Kollektionen von Kunst nach 1945. Gezählt hätten sie den Bestand nie, erzählt Homen. Für sie sei die Kollektion „etwas Flüssiges“, sie funktioniere wie ein lebendiger Organismus. Nach großen Ausstellungen in den Achtzigern verteilen sich die Werke heute auf verschiedene Museen, Depots und Ausstellungsorte. Immer leistete sich die Sammlerin den Luxus der Subjektivität und ließ sich von Werken der Minimal Art, der Arte Povera, aber auch der konzeptuellen Fotografie und Malerei hinreißen.

Eine Firmensammlung muss dagegen objektiver sein. Das macht den Reiz der von Renate Wiehager, der Leiterin des Kunstbesitzes DaimlerChrysler, organisierten Reihe „Private/Corporate“, die mit dem Sammler Paul Maenz im letzten Jahr begann. Ganz bewusst stellte Wiehager den bekannten Größen einige noch zu entdeckende Positionen entgegen. Der Begriff der Skulptur bildet dabei insgeheim den Leitfaden, der allerdings offen interpretiert wird und auch eine Fotoserie von Bernd und Hilla Becher umfasst. „Anonyme Skulpturen“ nannte Becher schließlich eine frühe Publikation. In der Ausstellung bildet die Ende der Achtzigerjahre entstandene Arbeit mit Wassertürmen ein visuelles Gegenstück zu drei Staubsaugern, die Jeff Koons im gleichen Jahrzehnt in neonbeschienene Vitrinen stellte oder einer Konsole von Haim Steinbach, der emaillierte Gusseisentöpfe, Digitaluhren und Lavalampen arrangierte. Scheinbar nebenbei erschließt sich hier die künstlerische Aneignung des Profanen und Alltäglichen, der seiner Funktion beraubten Industrieanlagen und Designideen.

Lange schon hatte Sonnabend geplant, nach Berlin zurückzukommen, nachdem ihre Sammlung 1988 im Hamburger Bahnhof gezeigt worden war. Und gleich mehrere „Secret Security“-Aufkleber am Rollstuhl der älteren Dame zeugen von einer regen Reisefreudigkeit. Doch nicht etwa der Kunstmarkt und die Galerieszene lockte die Kunstliebhaberin an die Spree. Ihre Tage in Berlin verbringt sie voller Begeisterung auf den Spuren Schinkels – und in der Gemäldegalerie.

DaimlerChrysler Contemporary, Haus Huth (Alte Potsdamer Straße 5), bis 23. November, täglich 11-18 Uhr (Führungen Sonnabends 15 Uhr, Künstlergespräche am 18. September und 4. November, jeweils 20 Uhr).

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