Dario Fo zum 90. Geburtstag : Diener keiner Herren, ein Riese des Theaters

Meister der Farce: Der Komiker und Nobelpreisträger Dario Fo wird 90 Jahre alt. Zwei kleine Geschichten zur Feier seines Geburtstags.

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Bezahlt wird doch: Dario Fo.
Bezahlt wird doch: Dario Fo.Foto: Matteo Bazzi/dpa

Als das politische Theater noch politisch in die Gesellschaft hineinwirkte und die Welt veränderbar erschien, liefen Riesen über die Bühne, Idole. Dario Fo und Franca Rame gehörten dazu. Sie schrieben zusammen Stücke wie „Nur Kinder, Küche, Kirche“ und „Offene Zweierbeziehung“, aber man darf Rames Anteil auch bei anderen Fo-Klassikern („Bezahlt wird nicht“, „Zufälliger Tod eines Anarchisten“) nicht unterschätzen. In den siebziger und achtziger Jahren wurden diese Farcen überall aufgeführt.

1997 bekam der Komiker, Dramatiker, politische Aktivist und Entertainer aus Norditalien den Nobelpreis für Literatur. Seltsam war, dass er die Auszeichnung allein bekam. Fünfzig Jahre war er mit Franca Rame verheiratet, im Bett und auf der Bühne. Sie starb 2013, eine ungeheuer schöne Frau, deren kämpferische Energie sich aufs Wunderbarste verband mit Fos aus der Commedia dell’Arte geschöpftem Witz, der zugleich brachial und subtil sein konnte. Mit diesen beiden machte es Spaß, ein Linker zu sein. Leben und Theaterarbeit fielen nicht so aufreizend auseinander wie bei dem einen oder anderen deutschen Theaterrevolutionär mit irren Gagen und Anwesen in der Toskana.

Aber natürlich ist Dario Fo auch ein Genussmensch. An diesem Donnerstag feiert er seinen 90. Geburtstag, zwei kleine Geschichten seien ihm zu Ehren hier erzählt. Sie liegen gut 30 Jahre auseinander und haben beide ein italienisches Restaurant zum Schauplatz. Die erste spielt Anfang der achtziger Jahre in West-Berlin. Fo tritt auf im alten Tempodrom am Potsdamer Platz. In einem Solo spielt er Johannes Paul II., den Papst-Attentäter Ali Agca und obendrein einen Geheimagenten im Hintergrund. Und stellt die Menschenmenge auf dem Petersplatz dar mit seiner großen, kräftigen Statur.

Der Mann allein auf der Bühne vor 1500 Zuschauern im Zirkuszelt: Fos Komödiantik streift das Tragische und macht politische Gewalt direkt erfahrbar. Man kann es auch Volkstheater nennen. Später ging es ins legendäre „Ciao Ciao“ an der Schaubühne. Dem Kellner, der Dario Fo und Franca Rame nicht erkannt hat und ihnen keinen Tisch geben wollte, wird bis heute die Standpauke seines Chefs im Ohr dröhnen. Die Figur des Kellners gehört, ob Tölpel oder hellwach, zur Commedia dell’Arte wie der Dom zu Mailand. Und von wegen „Bezahlt wird nicht“: Padrone Fo holte ein dickes DM-Bündel aus der Tasche und zahlte bar.

Eine Begegnung in Sizilien

Im September 2014 führte Dario Fo im antiken Theater von Taormina sein Stück über den heiligen Franz von Assisi auf; stets hat er sich an der Kirche und dem Katholizismus abgearbeitet, wie auch Pasolini. Im folgenden Winter war er wieder in Sizilien, wieder in Taormina, wegen des milden Klimas. Und da sehe ich ihn im Restaurant, mit Blick aufs Mittelmeer und das Teatro Greco, umringt von seiner Entourage, fasse mir ein Herz und spreche ihn an.

Ob er sich an Berlin erinnert, damals, als die Mauer noch stand? Die Kellner in Taormina flitzen, um alles recht zu machen für den hohen Gast. Er lächelt. Welcher Schauspieler freut sich nicht über Aufmerksamkeit? Denn wenn man im Moment lebt, lebt man schon in der Erinnerung. Welches Theater ist so stark, dass man sich nach Jahrzehnten daran erinnert? Vergänglichkeit und Ewigkeit berühren sich nicht oft, hier war es einmal so weit.

Kurzes Gespräch, lange Wirkung: Dario Fo verabschiedet sich, das ganze Lokal steht auf, und der Kellner fragt mich, ob ich ein Kollege des Maestro sei. Die ausweichende Antwort muss überzeugt haben. Selten so gut gegessen, nie so fürstlich bedient. Danke, Maestro, für alles. Auguri!

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