„Dark Star“ an der Volksbühne : Krieg der Sternchen

Raumpatrouille Volksbühne: Mit der allerletzten Premiere „Dark Star“ endet die Ära Castorf. René Pollesch schießt drei Amigos ins All, wo sie sich nach dem Mutterschiff sehnen.

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Martin Wuttke tritt in "Dark Star" seine letzte Abenteuerreise unter Commander Castorf an. Foto: Lenore Blievernicht/LSD Berlin
Martin Wuttke tritt in "Dark Star" seine letzte Abenteuerreise unter Commander Castorf an.Foto: Lenore Blievernicht/LSD Berlin

Dem Glitzervorhang von Bert Neumann haftet etwas Alice-im-Wunderland-Mäßiges, Sphärisches, Außerirdisches an. René Pollesch treibt die poetische Kraft des Bühnenraums jetzt in „Dark Star“, der letzten Premiere überhaupt an der Castorf-Volksbühne, auf die Spitze – und schießt seine drei Amigos ins All.

Wir erinnern uns: Im Oktober begann der Regisseur seinen Countdown, den verkürzt „Volksbühnen-Diskurs“ genannten Abschiedsreigen vom Haus am Rosa-Luxemburg-Platz, mit zwei schnell getakteten Premieren kurz hintereinander. Aber weil, so Polleschs Überzeugung, der zweite Teil nur die Wiederholung ist und man erst bei drei von einer Serie sprechen kann, folgt nun die eigentliche Durchführung. Sie ist Reprise und Finale und überhaupt alles in einem.

Denn die Serie bleibt, kaum gestartet, schon wieder stecken, einen vierten Teil wird es nicht geben. Oder zumindest nicht an diesem Haus. Im August übernimmt Museumsmann Chris Dercon die Volksbühne mit einem neuen Team, Arbeiten von Pollesch (wie auch vom Regie-Kollegen Herbert Fritsch) wird man hier künftig vergeblich suchen.

Martin Wuttke kurvt in einer gläsernen Minikuppel herum

Das All, es nimmt sich bei Pollesch zunächst recht irdisch und sinnenfroh aus. Zu Beach-Boys-Hits, den göttlichen Harmoniegesangsstücken „God Only Knows“ und „Good Vibrations“, kurvt Martin Wuttke, sichtlich bester Laune, minutenlang in einer gläsernen Minikuppel, einer Blase oder „Brandblase“, wie er es selbst einmal nennt, über die Bühne. Sie entpuppt sich spätestens dann als Cockpit und Steuerkanzel, als sie sich mitsamt dem riesigen holzverkleideten Container, der bis dato verborgen war, aus dem Bühnenboden erhebt.

Jede Pollesch-Inszenierung kennt dieses eine, alles dominierende, den Abend quasi in sich aufsaugende Requisit: den Panzer, den Hai, den tanzenden Pfeil. Hier ist es offensichtlich ein Raumschiff, mit einer großgepinselten „20“ auf der Außenhülle. Denn Pollesch nimmt nicht nur, wie schon bei den beiden anderen „Volksbühnen-Diskurs“-Stücken, Anleihen bei John Landis’ Westernkomödie „Drei Amigos!“, sondern lässt sich auch von John Carpenters Science-Fiction-Film „Dark Star“ inspirieren, in dem sich Bombe Nummer 20 selbstständig macht und zu denken anfängt. Der Film ist gleichzeitig Parodie und, das eine lässt sich ja vom anderen schwer trennen, Hommage.

Keiner will eine Bombe sein, eine Granate schon

So diskutieren und streiten sich Martin Wuttke, Milan Peschel und Trystan Pütter, wie gewohnt in roten Stramplern und Cowboyhüten, erstmal über explosive Themen. Eine Bombe will natürlich keiner von ihnen sein, eine Granate jeder. Und am liebsten würden sie sowieso den ganzen Laden in die Luft jagen. Das geht natürlich nicht ohne Kalauer-Kollateralschäden ab, der eine erzählt von „Parsecs“, der andere versteht „Paarsex“ und revanchiert sich, indem er seinen Hund „Die Katze“ nennt („Die Katze ist nun mal ein Hund“). So geht das weiter und hört bei „Stevemütterchen“ noch lange nicht auf. Grundiert wird der Sound von einem ständigen California-Beach-Feeling – Pütter reitet schon bei seinem Auftritt, am Seil hängend, auf dem Surfbrett durch die Luft –, das zugleich seine eigene Kritik in sich trägt.

Denn Kalifornien, das ist das Ende der Welt. Der Ort, an dem der Expansionsdrang des Westens auf den Pazifik trifft und sich die Welle bricht. Was in den von Wuttke, Peschel und Pütter leitmotivisch wiederholten Satz mündet: „Es gibt kein Außen mehr“. Der Druck, die „Frontier“ zu verschieben, wird zur Stauung, verlegt sich notgedrungen ins Innere, und es ist kein Zufall, dass Google, Apple & Co., der ganze „kalifornische Netzwerkimperialismus“, gerade hier entstanden sind.

Pollesch greift auf Diedrich Diederichsen zurück

Oder um es mit dem verlässlich wuscheligen und mit Sonnenbrille endgültig wie Bruce Willis aussehenden Martin Wuttke zu sagen: „Es führt ein direkter Weg von der Manson Family zu Facebook! Wie soll man das bloß alles zusammendenken?“ Nicht mehr weit ist der Weg da auch zum amerikanischen Twitter-Präsidenten, der sich für nichts mehr als sein eigenes Inneres interessiert und nach dreißig Minuten erstmals thematisch auftaucht.

Das alles sind keine originären Gedanken von Pollesch. Er greift hier unter anderem Überlegungen von Diedrich Diederichsen aus dem Jahr 2013 auf. Aber wie er das Kosmische, die Idee vom Ende des Außen, mit dem Lokalen, dem Ende der Castorf-Volksbühne, verwebt und kurzschließt – das ist berührend und groß. Denn auch hier gibt es kein Außen mehr, „das Außen ist quasi vorbei“, sagt Wuttke, es ist auserzählt, oder, in leichter Abwandlung von Baudrillard, „die Saison 2017/18 findet nicht statt“. Und wenn Milan Peschel meint, nach dieser Premiere käme „ja erst mal keine mehr oder nur noch bombensichere“, dann ist ihm der Spontanapplaus des tapfer (es sind nur rund 90 Minuten) auf dem Asphaltboden ausharrenden Publikums sicher. So gesellt sich bald ein zweites Leitmotiv zum ersten, die von Peschel rituell gestellte Frage: „Wo geht ihr denn jetzt hin?“

Ein Drama über den Verlust der künstlerischen Heimat

Erst mal ins Innere des Raumschiffs, all-inclusive mit Kamera und Live-Übertragung nach außen. Das Trio wird zum Quartett, Christine Groß übernimmt die Rolle der „Mutter“, des Bordcomputers, der alle Logbucheinträge, mit denen die Crew verzweifelt ihre diversen Vergangenheiten zu bewahren versucht, gleich wieder löscht. Es lässt sich nichts festhalten: „Dark Star“ ist mindestens ebenso Weltraumoper wie Drama über den Verlust der (künstlerischen) Heimat.

Und deshalb stellt Peschel seine Frage immer wieder neu: „Wo geht ihr denn jetzt hin?“ Und immer wieder ist es die falsche Frage, weil sie suggeriert, man müsste nur einen Ortswechsel vornehmen, und alles wird gut. Es geht hier nicht weiter, an der Volksbühne, das ist die Essenz von Polleschs Abschiedsabend, der wieder einmal Nabelschau ist und doch viel mehr.

Milan Peschel sagt es selbst: „Wir gehen einfach nicht in ein anderes Raumschiff. Hauptsache, kein anderes Raumschiff.“ Lieber surfen sie, gemeinsam mit den Beach Boys, in den Nebel hinein, wo es glitzert, und verglühen im Weltall. Polleschs poetischer Epilog auf die Castorf-Volksbühne ist kein Radikalknaller, wie vielleicht erwartet, er hat auch einige Durchhänger in der Mitte. Aber er wirkt im Stillen nach und wird vom Publikum mit minutenlangen, melancholisch-jubelnden Ovationen quittiert. Sie verdanken sich bestimmt nicht nur der Erleichterung, endlich vom Asphaltboden aufstehen zu dürfen. Denn die Hoffnung stirbt zuletzt. „Ich will zurück zur Erde“, ruft Milan Peschel. Also auf zum Landeanflug. Es sind die letzten Worte, die in einer Premiere an der Castorf-Volksbühne gesprochen werden: Ich will zurück zur Erde. Sie klingen, als sei ein Wiedersehen möglich.

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