"Darüber spricht man nicht" am Atze Musiktheater : Im Reich der Blumen und Bienen

Unverkrampft: Das Atze Musiktheater klärt sein junges Publikum über Sex auf - und erntet kindliche Beteiligungsfreude.

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Energetisch und lustig: Das Trio aus Figen Türker, Guylaine Hemmer, Moritz Ross (v. l.). Foto: Jörg Metzner
Energetisch und lustig: Das Trio aus Figen Türker, Guylaine Hemmer, Moritz Ross (v. l.).Foto: Jörg Metzner

Früher war Aufklärung eine recht peinliche Angelegenheit. Schamrote Lehrer stammelten sich Vorträge über Scheiden und Penisse und Liebe zurecht, wenn sie nicht gleich ins Reich der Bienen und Blumen abdrifteten. Heute ist das natürlich alles anders. Da informiert sich der Nachwuchs spätestens vor Schuleintritt selber am Smartphone über die Vorgänge seiner Entstehung und debattiert dann mit den Eltern über Oralverkehr im Spiegel queerfeministischer Theorie. Oder etwa nicht?

Am Theater Atze glauben sie nicht so recht an Fortschrittlichkeit und gewachsene Unbefangenheit beim Thema Sex. Studien haben gezeigt, dass in Schule und Familie gar nicht so viel und so schambefreit über Körpererfahrung, Kinderkriegen und Co. gesprochen wird, wie man gemeinhin annimmt. Weswegen Atze den 70er-Jahre-Klassiker „Darüber spricht man nicht“ von den Kollegen vom Theater Rote Grütze wiederentdeckt und leicht aktualisiert auf die eigene Studiobühne geholt hat. Freilich ohne dass sich dagegen politischer Widerstand regen würde, wie’s zu Uraufführungszeiten noch der Fall war.

Regisseurin Göksen Güntel macht aus der Vorlage ein Musiktheaterstück für Menschen ab sechs im Atze-Stil, das die Tabu-Implikationen des Titels erfreulich unverkrampft unterläuft. Was natürlich auch an dem sehr energetischen und lustigen Darsteller-Trio aus Figen Türker, Guylaine Hemmer und Moritz Ross liegt, das nach evolutionärem Vorspiel mit Paradiesapfel die Frage erörtert, worin sich Männer und Frauen rein äußerlich so unterscheiden. Was unter Zuhilfenahme von Crossdressing-Humor sowie angeklebter primärer und sekundärer Geschlechtsmerkmale geklärt werden kann. Jedenfalls dem Gender-Mainstream gemäß.

Die Scham tritt auf und singt ein Lied, wofür Musiker Carsten Klatte die originalen Rote-Grütze-Hits neu arrangiert hat. Im Badewannen-Intermezzo zu dritt wird die gute alte „Nein heißt nein!“-Regel erläutert. Eine schöne Szene spürt der Frage nach, ob’s peinlich ist, wenn andere einen pinkeln hören. Und wer’s noch nicht wusste, erfährt auch, wie das mit dem Babymachen so läuft und warum manchmal ein Mädchen, manchmal ein Junge im Bauch heranwächst. Lauter nützliche Informationen also, musikalisch adäquat begleitet (Beispiel: „Hallo, kleines Baby“).

Immer wieder lässt Regisseurin Güntel ihren theatralen Aufklärungstrupp zum Nahkontakt ins junge Publikum ausschwärmen und Umfragen starten, etwa zu Lieblingskörperteilen oder der immer spannenden Palette an Alternativbezeichnungen für Penis und Vagina. Könnte ein Moment sein, der Albernheit stiftet oder sonst wie aus dem Ruder läuft, wird vom jungen Publikum aber mit kindlicher Beteiligungsfreude geteilt. Was, wie auch der Rest, für die Qualität dieser Inszenierung spricht.

wieder am Samstag, 19. November (15 Uhr) und im Dezember

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