Kultur : Das 1860 erschienene "Handbuch der Schönen Gartenkunst" ist als Reprint zu entdecken

Fank Peter Jäger

Im alten China führte der Bau der Kaiserlichen Gärten immer wieder zu Volksaufständen und Revolutionen, weil das Volk unter den Frondiensten in den Gärten stöhnte, weil Hungernöte ausbrachen, wenn das Ackerland ganzer Provinzen in kaiserliche Lustgärten verwandelt wurde. Die Gärten der Han-Dynastie entstanden um 180 vor Christus, 30 000 Sklaven waren bei ihrer Einrichtung beschäftigt. Um ihre Peripherie zu erreichen, war ein Reiter mehr als zwei Tage unterwegs. Der chinesische Staatsmann und Geschichtschreiber See-ma-kuang hält von soviel Pomp nichts, 1086 n. Chr. beschreibt er seinen Garten so: "Andere mögen sich Paläste bauen, um ihr Mißvergnügen zu verbergen, (...) ich habe mir eine Einöde zubereitet, um in meiner Muße mich zu vergnügen (...) . Ihre weit sich ausdehnenden Gewässer sind ganz mit Inseln von Rohr übersäet. (...) Wenn die Wasserlilien, die an die Ufer des Weihers gepflanzt sind, blühen, so scheint er mit Purpur und Scharlach umkränzt zu sein wie der Horizont des Meeres, wenn die Mittagssonne ihn beleuchtet."

Die Beschreibung gehört zur Eröffnung von Gustav Meyers 1860 erschienenem "Lehrbuch der schönen Gartenkunst". Als Meyer 1870 den bei der Stadt Berlin neu geschaffenen Posten des Gartendirektors antrat, hatte er bereits mehr als ein halbes Arbeitsleben hiinter sich: 30 Jahre war er - als enger Mitarbeiter Peter Joseph Lennés - Gartenarchitekt für die Verwaltung der königlichen Schlösser und Gärten und hatte in dieser Zeit bereits den Friedrichshain sowie die Umgestaltung des Tiergartens und den Park des Schlosses Klein-Glienecke verwirklicht. Dass ein verdienter Mitarbeiter nach so langen Jahren den Dienstherren wechselt, war damals nicht alltäglich. Nicht auszuschließen, dass Berlins erster Gartenbaudirektor seinen Posten als geschasster Gartenkünstler des Königs antrat: Meyer hatte gemeinsam mit Lenné im ersten Drittel des 19. Jahrhundert die Parkterasse unterhalb des Schlosses Sanssouci in einen "wald-artigen Zustand" versetzt. Die einsetzende Verklärung Friedrichs des Großen machte sich an seinem Wohnschloß fest; es deutet einiges darauf hin, dass man Meyer nun, da seine Bäume die einst freie Sicht über die Anlage versperrten, diese Eingriffe übelnahm.

In Berlin sollte Meyer Gärten und Parks für das Volk schaffen - die Arbeiter eingeschlossen. Die Vorstellung, Parks für die Allgemeinheit zu schaffen, darf als eine Frucht der 1848er Revolution gesehen werden. Berlins Verwaltung war ihrer Zeit voraus. Meyers Berufung ging offenbar auf das Engagement Rudolf Virchows zurück, der die Bedeutung von Parks für die Gesundheitsvorsorge hoch einschätzte. Die Verwaltung der expandierenden preußischen Metropole - 1877 überstieg ihre Einwohnerzahl die Millionengrenze - begann Verständnis für die Notwendigkeit systematischer Grünplanung zu entwickeln. Die sich ausdehnende Stadt machte es immer schwieriger, aus dem Zentrum die offenen Landschaft zu erreichen. In den wenigen Jahren bis zu seinem Tod im Jahre 1877 gelang es Meyer, drei umfangreiche Projekte zu verwirklichen: den Humboldthain, den kleinen Tiergarten und den Treptower Park. Sein "Handbuch der Schönen Gartenkunst" war bereits 1860 erschienen. Der Gedanke an Parks für die Allgemeinheit, gar zugänglich für die niederen Schichten, war zu diesem Zeitpunkt noch eher ungewöhnlich.

Dennoch steht Meyers Buch wohl an der Schwelle einer Entwicklung des Parks vom einzigartigen aristokratischen Kunstwerk zur städtischen Parkanlage. Der Schlosspark der Aristokratie war zuallerst Ort des Monarchen und seines Umfelds gewesen. Der städtische Park stellt dagegen den kollektiven, öffentlichen Charakter in den Vordergrund, ohne auf Intimität zu verzichten. Als Meyer 1860 die erste Auflage der "Gartenkunst" veröffentlichte, bemerkt er schon im Vorwort, dass der Preis des Buches mäßig gehalten sei, damit das Werk weite Verbreitung finden und "wirklich gemeinnützig werden" könne - da kann er sich als Adressaten nicht nur die Gärtner aristokratischer Dienstherren vorgestellt haben. Indem er ihre Möglichkeiten und Regeln der zeitgenössischen Parkgestaltung in enzyklopädischen Anspruch formulierte, schaffte Meyer eine wesentliche Orientierungshilfe: für die Verwandlung des Parks priviligierter Adliger zum bürgerlichen Erholungsort. Bevor er seine eigentlichen Darstellungen beginnt, hält er Rückblick auf das, was die Kultugeschichte der Gartenkunst überlieferte: arabischer Gartenstil, römischer Gartenstil, chinesische und englische Gärten. Nach der Formulierung allgemeiner ästhetischer Grundsätze, geht es in Kapitel 5 ins Detail: "Von malerischer Anordnung oder Gruppirung im Einzelnen", lautet die Überschrift; Meyer breitet hier Zweck und Wirkung der Kunstfertigkeit aus, die seine Gärten und die von Peter Joseph Lenné kennzeichnet. Dabei ist es vielleicht von Vorteil, dass die berühmtesten Parks bereits vollendet waren und Meyer so diese Werke selbst mit der Reflexion des zeitlichen Abstands würdigen kann.

Es macht etwas Mühe, die großformatigen, in kleiner Schrift eng bedruckten Seiten zu studieren, doch man wird belohnt. Die Gartenarchitektur im Geiste Lennés und Meyers scheint als wahre Philosophie auf. Am Ende der Ausführungen zur "Anordnung unregelmäßiger Partieen von einem Hauptstandpunkte aus" warnt Meyer vor übermäßigem Perfektionismus bei der Anwendung seiner Regeln: "Indes bedeutet Vollkommenheit und Vollendung" noch etwas mehr: So komme "es bei der malerischen Anordnung zuletzt noch darauf an, die vorbezeichneten Gesetze der Composition durch kleine Abweichungen von denselben und durch absichtliche Lockerungen mannigfaltiger Art zu verdecken". Natur, so Meyer, ist da am schönsten, wo sie ihre Gesetzmäßigkeiten durch eine "unerreichbare Sorglosigkeit und scheinbare Zufälligkeit dem flüchtigen Blick verborgen hat". Nicht das Perfekte, sondern erst das mit einem Quentchen Zufall Gewürzte, könne wirklich malerisch sein.

Meyer öffnet seinen Wissensschatz über die englischen Gärten und ihre deutschen Nachschöpfungen, von Wörlitz bis Muskau. Er gibt außerdem detailierte Ratschläge zur Anlage "verschönerter Landsitze", einschließlich Fasanerie, Wildgehege und Pleasureground. Zur Verwirklichung dürften seine Handreichungen indes wohl vor allem in den Villengärten des aufstrebenden Bürgertums gekommen sein. Meyers Verdienst ist, dass er an der Schwelle zur Moderne den bis dahin bekannten Wissensschatz der Gartenkunst erstmals systematisch zusammenfasste und auf praxisbezogene Anwendung zuschnitt. Damit schuf er die Grundlage für die im breiten Umfang erst nach der Jahrhundertwende wieder einsetzende Bauphase öffentlicher Parks. Deren Erbauer hatten zwar kaum die klassischen Anlagen mit ihren geschwungenen Wegen, Putten und Schmuckrabatten im Sinn, wandten aber nach wie vor von Lenné und Meyer formulierte Gestaltungsregeln an.

Freilich brachte die veränderte Nutzerschicht auch andere Anforderungen mit sich. Bald wurde deutlich, dass die in räumlicher Enge lebenden Städter in den Parks Gelegenheit zur freien Bewegung an Luft und Licht haben sollten. Mit dem gemessenen Flanieren zwischen Rabatten und Baumgruppen des Pleasureground war es daher nicht getan. Schon die erste, 1860 erschiene Ausgabe der "Gartenkunst" enthält - wenn auch noch bescheidene - Angaben über die Anlage von Plätzen zum "freien Spiel", die Meyer im Treptower Park und im Humboldthain dann auch verwirklichte. Auf den hippodromartig angelegten Rasenflächen durfte sich das Volk ungezwungen bewegen, Reifen treiben oder Ball spielen. Mitten in der Biedermeierzeit ein fast revolutionäres Novum naturalistischer Ungezwungenheit, zumal im öffentlichen Raum.

Meyers Pionierleistungen im Bereich der öffentlichen Parks mussten in Berlin lange auf Nachahmung warten. Nach seinem Tod im Jahre 1877 wurde bis zum Ende des Jahrhunderts nur noch ein städtischer Park verwirklicht, der 7,6 Hektar umfassende Viktoria-Park auf dem Kreuzberg. Erst im zweiten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts stieß die Volksparkbewegung mit den von Pädagogen, Gesundheits- und sozialreformerischen Kreisen gestellten Forderungen nach Volksparken wieder auf Gehör. 1915 wurde die Forderung durch eine Doktorarbeit wissenschaftlich untermauert: "Das sanitäre Grün der Städte - ein Beitrag zur Freiflächentheorie"; der Verfasser war jener Martin Wagner, in dessen Ära als Stadtbaurat ab 1919 der erste Berliner Großpark nach Gustav Meyer entstand: der Schillerpark im Bezirk Wedding.Gustav Meyer: Lehrbuch der schönen Gartenkunst". Reprint der Erstausgabe von 1860. Nicolai-Verlag. Berlin 1999, 234 Seiten, zahlreiche Abbildungen, 98 DM.

0 Kommentare

Neuester Kommentar