Das 67. Filmfestival Locarno : Die Sittenmaler

Tauben tragen, Wurzeln sammeln - und die Kunst der Narration: Das 67. Filmfest Locarno bot eine brillante Retrospektive und Filme von heute, die auf ihre Weise Geschichten erzählen.

Anke Leweke
Lav Diaz erhielt für sein Porträt eines philippinischen Dorfs vor Beginn der Militärdiktatur Anfang der 70er Jahre den Hauptpreis. Sein sechsstündiger Film heißt "From What Is Before"
Lav Diaz erhielt für sein Porträt eines philippinischen Dorfs vor Beginn der Militärdiktatur Anfang der 70er Jahre den Hauptpreis....Foto: Filmfestival Locarno

Geht es um das Filmfest Locarno, ist stets die Rede vom ultimativen Freiluftgefühl. Von der Piazza Grande mit ihrer Riesenleinwand, vor der sich allabendlich Festivalprofis, Birkenstocktouristen und ältere Tessinerinnen versammeln, die einander den Mückenschutz unter ihre selbst gehäkelten Stolen reiben. Glücklich kann sich schätzen, wer einen Platz neben ihnen ergattert, großzügig verteilen die Damen ihren in Picknickkörbchen mitgebrachten Proviant und spendieren auch gerne ein Gläschen Spumante. Salute!

Zum Gemeinschaftserlebnis des Festivals, das am Sonnabend mit der Verleihung der Leoparden zu Ende ging, gehören natürlich die Filme, die zur emotionalen Achterbahnfahrt einladen. Tatsächlich verließ man das Kino dieses Jahr in Locarno nicht selten mit weichen Knien, aufgewühlt und ordentlich durchgeschüttelt wie nach einem Dreifachloop.

Großartig: "Titanus"-Retrospektive

So schaute man mit dem jungen Jean-Louis Trintignant in Valerio Zurlinis Melodram „Gewaltiger Sommer“ (1959) zerrissenen Herzens seiner großen Liebe nach, die er ziehen lassen muss, weil die Zeitläufe Ende des Zweiten Weltkrieges solche Gefühle nicht dulden. Szenenapplaus gab es für Giulietta Masina und ihre herrlich schrägen Tanzeinlagen in Lina Wertmüllers schrill-buntem Musical „Non stuzzicate le zanzara“ (1967). Mit weißen lebendigen Tauben als Kopfbedeckung, die ein beharrliches Eigenleben führen, tanzt die italienische Schauspielerin lustvoll aus der Reihe, inspiriert vom Revolutionsgeist jener Jahre. Nach der Vorführung von Vittorio de Sicas aufwühlendem Roadmovie „Zwei Frauen“ (1961), der Sophia Loren und ihre Filmtochter auf ihrer Reise durch ein vom Krieg verrohtes und verarmtes Italien begleitet, fragte ein Kollege sichtlich ergriffen: „Wo ist nur diese Erzählkunst geblieben?“

Es waren die Filme der „Titanus“-Retrospektive, die auf schönste und selbstverständlichste Weise vor Augen führten, dass Kunst und Kommerz sich nicht ausschließen, Zeitgeschichte sich auch in populären Formen erzählen lässt und selbst extreme Autorenvisionen ein großes Publikum berühren können. „Titanus“, das ist eines der ältesten, immer noch existierenden Produktionshäuser der Welt. Der römische Familienbetrieb wurde 1904 von Gustavo Lombardo gegründet, ein offenes Haus für das Kino in all seinen Facetten. In den fünfziger und sechziger Jahren prägte Titanus die italienische Filmgeschichte entscheidend mit: Antonioni, Fellini und Visconti gaben sich die Klinke in die Hand; Genre-Spezialisten wie Mario Bava, Dario Argento und Sergio Corbucci drehten ihre abgefahrenen Horror – und Thrillerexperimente für die Lombardos.

Der philippinische Regisseur Lav Diaz, 55, erhielt am Samstag auf der Piazza Grande von Locarno den Goldenen Leoparden.
Der philippinische Regisseur Lav Diaz, 55, erhielt am Samstag auf der Piazza Grande von Locarno den Goldenen Leoparden.Foto: dpa

Bestandsaufnahme des aktuellen Kinogeschehens

Mit der Titanus-Retrospektive hat sich das Festival selbst das schönste Geschenk bereitet und nebenbei eine Geistesverwandtschaft entdeckt. Schließlich versammelt das Tessiner Festival genau wie das Studio alle erdenklichen filmischen Formen und Bildsprachen unter einem Dach. Womit sich wieder die Frage nach der Kunst des Erzählens stellt. Die gute Nachricht: Man muss bei diesen 67. Filmfestspielen von Locarno nicht in Melancholie verfallen oder nostalgisch zurückblicken. Das sorgfältig und risikofreudig kuratierte Programm bot eine Art Bestandsaufnahme des aktuellen Kinogeschehens, und ja, es gibt sie noch, die Kunst, gute Filme zu drehen. Nur begreifen sich ihre Regisseure nicht mehr als Erzähler im klassischen Sinne.

Eher sind sie Beobachter, arbeiten seismografisch mit der Kamera, verharren in einer Einstellung, spüren Stimmungen auf. Ihre Methoden mögen anders sein, doch ihre Filme haben einen ähnlichen Effekt wie die Titanus-Nachkriegsklassiker: Sie versammeln Zeit- und Sittenbilder von Ländern im Umbruch, von Gesellschaften in politisch angespannten, angeschlagenen Zeiten.

Der Gewinnerfilm des philippinischen Regisseurs Lav Diaz lädt zur fast sechsstündigen, in kontrastreichem Schwarz-Weiß gedrehten Expedition in die jüngste Geschichte seines Heimatlandes. „From what is before“ beginnt mit einer minutenlangen Einstellung auf einen Dschungel. Wind rauscht durch die Palmblätter, exotisches Vogelgezwitscher, aus der Ferne vernimmt man das Rascheln von Tieren. Nach einer Zeit gewahrt man Schritte, eine alte Frau tritt aus dem Gebüsch. Sie hat Wurzeln gesammelt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben