Kultur : Das 80. Level

Packend: Nic Balthazars Spielfilm-Debüt „Ben X“

Christina Tilmann

Die Herausforderungen, denen sich Ben in seinem Lieblingscomputerspiel „Archlord“ stellen muss, sind nichts – verglichen mit dem täglichen Schulweg. Monster, Riesen, Ungeheuer: In der Cyberworld ist Ben ihnen allen gewachsen, hat er doch ein magisches Schwert und Mitkämpferin Scarlite immer an seiner Seite. In der Realwelt jedoch, jener tristen Einfamiliensiedlung im belgischen Gent, hilft nur: Kopfhörer auf, nicht nach rechts und links blicken und durch. Jeden Tag der gleiche Weg. Jeden Tag der gleiche Stress.

Mobbing, Behinderung, Gewalt auf dem Schulhof – „Ben X“, das vielfach preisgekrönte und auch auf der jüngsten Berlinale als Eröffnung der Reihe „14 plus“ gefeierte Spielfilmdebüt des niederländischen Journalisten Nic Balthazar zeigt genug davon. Wenn in fiktiven Interviews Eltern, Lehrer und Mitschüler sagen, dass die Katastrophe vorhersehbar gewesen sei, dass man die Zeichen zu lange missachtet habe, meint man das Muster zu kennen: ein weiterer Fall von Amoklauf in der Schule, und die geläufigen Erklärmuster. Ein Außenseiter, der nur in der Computerwelt ein Held ist und irgendwann die Grenzen zwischen virtuell und real nicht mehr erkennt.

Letzteres zumindest stimmt. Irgendwann taucht die rothaarige Scarlite, Bens virtuelle Mitstreiterin aus „Archlord“, live in Gent auf, um Ben beizustehen. Doch ist sie echt oder nur eine Fantasie? Ben ist kein computerspielgeschädigter Spinner, in dessen Wahrnehmung sich die Grenzen zwischen Fantasie und Wirklichkeit unheilvoll verschoben haben. Sondern eine medizinische Ausnahmeerscheinung: Emotionale Dysfunktionalität haben die Ärzte diagnostiziert, einen leichteren Fall von Autismus. Ben, hoch intelligent und mit wunderbarem Sprachwitz begabt, ist folglich ein schwieriger Kandidat, ein Eigenbrötler, der im Umgang mit der Umwelt, vor allem mit gewalttätigen Schulkameraden, hilflos und reaktionsunfähig ist. Die Mutter, resigniert, beantwortet die Fragen am Frühstückstisch lieber gleich selbst, statt auf Antworten des Sohns zu warten.

Doch keine Spur von Betroffenheitsdrama: „Ben X“ hält das Thema Autismus in der Schwebe. Was Ben (verträumt, hellwach: Greg Timmermans) zum Opfer prädestiniert, könnte auch alltägliche Schüchternheit sein. Er taugt damit zur Identifikationsfigur für Jugendliche, denen die Unmöglichkeit, sich in der Schule zu behaupten, vertraut ist. Und der Dreh, den Ben schließlich findet, um sich aus seiner Notlage zu befreien, ist genial – ein Showdown, der noch einmal alle Gewissheiten verschiebt. Im Fantasy-Spiel „Archlord“ mag Ben auf Level 80 aufgestiegen sein. Doch die Wirklichkeit ist noch viel fantastischer. Christina Tilmann

Cinemaxx Potsdamer Platz, Kino in der Kulturbrauerei, Moviemento

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