Kultur : Das Aaaah! und Ooooh!

Stöhnen, Röcheln, Würgen: Armin Holz inszeniert in der Kreuzberger Cuvrystraße Oscar Wildes „Salome“

Peter Laudenbach

Herr Herodes ist in die Jahre gekommen, aber seine Nerven liegen immer noch blank. Als man ihm zuletzt in einem Berliner Theater begegnete, in Castorfs „Meister und Margarita“, trug er eine schwere Sonnenbrille und wurde vom Fieberwahn geschüttelt: Martin Wuttke spielte einen kranken Imperator, der sich nach Erlösung sehnt, ein Psychowrack der Macht. Jetzt, auf einer kleinen Probenbühne im tiefsten Kreuzberg, ist aus Herodes ein straffer Herrscher geworden, der seine Affekte genauso energisch unter Kontrolle hält wie seinen Staat. Nur manchmal durchzuckt ihn eine Ahnung davon, dass etwas Unheimliches die Sicherheiten seiner Macht bedrohen könnte. Dann hört er einen Flügelschlag in der Luft oder erschaudert vor einem Kältehauch. Schwer zu sagen, ob diese Panik von den Reden seines Gefangenen, des Propheten Jochanaan, oder dem eigenen, faulig dampfenden Triebleben ausgelöst wird. Hans-Michael Rehberg macht aus diesem Herodes einen Machtmenschen, dem sich alle Gewissheiten auflösen. Ein langsam von innen verglühender Fels, aus dem am Ende nur noch ein bitteres Stöhnen dringt: „Es ist diese Krone, die mir wehtut.“

Hans-Michael Rehberg spielt den Herodes im früheren Probendomizil der Schaubühne, in einer abenteuerlichen Low-Budget-OffProduktion. Armin Holz, ein Regisseur, der sich gerne als der große, verkannte Außenseiter des deutschen Theaters feiern lässt, hat Oscar Wildes „Salome“ mit einem Star-Ensemble inszeniert, um das ihn viele Bühnen beneiden dürften. Neben Rehberg steht Ingrid Andree als abgelebt lüsterne Herodias mit blauem Haar und herrischem Blick auf der Bühne. Mit Sabine Wegner (als Page der Herodias) und Dieter Laser (als Prophet Jochanaan) kehren zwei Ensemblemitglieder aus Peter Steins alter Schaubühne nach Kreuzberg zurück. Armin Holz scheint eine große Faszinationskraft auf Schauspielkünstler auszuüben. Leider übertrug sich diese Faszination nicht in ihrer Gänze auf den ratlosen Zuschauer.

Oscar Wildes „Salome“ ist eine der wundersamsten Tragödien der frühen Moderne. Geschrieben 1891 in französischer Sprache, schimmert ein wenig von Maurice Maeterlincks Symbolismus durch die lyrisch somnambule Sprache. Ganz von dieser Welt sind diese Traum- und Mythengeschöpfe nicht – was Armin Holz zu einem seltsam forcierten Formwillen verführt. Sabine Wegner muss die Kunde vom langen Weg des gefangenen Propheten durch die Wüste mit einem entrückt zerdehnten Röcheln vermelden: „Die Wüüüste ... die Wüü-üü-üü-üüste ...“ Salome (die junge Jeanette Hain) fasst ihre Verachtung für die römischen Festgäste ihres Vaters in ein an Joe Cocker gemahnendes Röhren und Würgen, während sie für die „Ägyyyyypteeeeer“ einen eher im Sopran zersungenen Tonfall parat hält. Überhaupt wird viel gestöhnt, geröchelt, gesungen, geseufzt und gewürgt in den ersten zwanzig Minuten dieser Aufführung. Der Wille zum exaltierten Kunstgewerbe aber (neben den von Udo Walz verfertigten Frisuren sozusagen das Aaaaaah! und Ooooooh! dieser Inszenierung) ist nicht frei von unfreiwilliger Komik: Wenn passend zu den Angstattacken des Herrschers das Seitenlicht energisch aufleuchtet; wenn auch die Flüche und Weissagungen des aparterweise hinter einem Vorgang unter der Treppe verborgenen Jochanaan vom energischen Flackern einer Glühbirne begleitet werden.

Wie alle Leidenschaft umstandslos in den Kalauer kippt, führt Jeanette Hain vor, als sie ihren Liebesseufzer schmachtet, während ein Soldat ihre Silben mit Schlägen auf den Boden rhythmisch zersägt: „Ich ...“ – rumms – „...werde...“ – rumms – „...deinen...“ – rumms – „...Mund...“ – rumms – „...küssen ...“ – rumms – „...Joo...“ – rumms – „...chaa ...“ – rumms – „...naa...“ – rumms – „...aan.“ Kein Wunder, dass Jochanaan sich da die Mütze über Augen und Ohren zieht. Der Abend ist bizarr und in seinen Überanstrengtheiten recht unangenehm. Nur wenn Rehberg die Abgründe seinen Herodes mit Härte und gespannten Nerven durchmisst, schaut man gebannt auf die Bühne.

Wieder am 2.,3.,4.,11. und14. September. Karten unter Telefon: 030 / 850 77 474.

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