Kultur : Das Abendland, ein Elefant

Marcel Reich-Ranicki und Durs Grünbein entziffern im Kanzleramt „Europa als Text“

Marius Meller

Warum sieht der Kanzler sogar nach dem doch sicher nicht unstressigen Besuch der amerikanischen Freunde immer noch viel erholter, elastischer, einfach besser aus als der durchschnittliche Berliner Kulturmensch? Weil er sich wohlfühlt als Gastgeber in seiner Dienstbehausung – dem innen so erstaunlich gemütlichen, ja kuscheligen Kanzleramt, das Kohl einst gemäß seiner imposanten Körpermaße und -formen zukunftssicher planen ließ und dessen Adresse jetzt (ätsch!) eben doch Willy-Brandt-Straße1 lautet? Weil Schröders Gäste spüren: Das Kanzleramt ist ein Ort, wo man gerne hingeht? Weil Schröder einer ist, der weiß: Wenn Intellektuelle vom Ich als Text, von der Welt als Text reden, dann ist das schön und gut so, aber das Glas Bier hinterher ist immer noch ein Glas Bier und bitteschön kein Text?

Jedenfalls spricht er vergnügt ein paar Grußworte und setzt sich bescheiden auf einen der sichtmäßig schlechtesten Plätze des Mini-Amphitheaters im siebten Stock seiner tollen Dienststelle. Der Kanzler sieht die bestgelaunte Kritiker-Legende Reich-Ranicki, den anfangs nur mittelgutgelaunten Dichter Grünbein und seine charmante germanistische Kulturstaatsministerin Christina Weiss von hinten – aber hat es bequem.

Nirgends lässt sich besser über „Europa als Text“ diskutieren als in einem Raum, der den kulturellen Ur-Ort Europas, das griechische Rundtheater zitiert, der in luftiger, olympischer Höhe den Blick auf die Narbenlandschaft historischen Horrors bietet und dazu noch ganz global Sky-Lobby heißt. So wagt der hochinspirierte, 84-jährige Groß-Kritiker gleich zu Anfang ein Bekenntnis zum radikalen Eurozentrismus: Die nicht-europäische Kultur sei da am interessantesten, wo sie europäisch sei. Überhaupt, er sei eigentlich nicht kompetent für das Thema, denn um zu beurteilen, müsse man vergleichen, und er kenne nichts anderes als europäische Kultur. Afrikanische Literatur? Er kenne sie nicht und wolle sie auch nicht kennen – sofern sie nicht europäisch inspiriert sei. Asiatische? Gibt es die? China? Vollkommen fremde Welt! Und die China-Oper? Schrrrreckliche Musik!

Bei derart hoch dosiertem, aber heiterem Kulturimperialismus gibt Frau Weiss das Wort lieber gleich an Grünbein weiter, der den Rückwärtsgang einlegt und erstmal – ganz Dichter – eine Allegorie in den Raum stellt: Er kenne eine Geschichte von einem Tierpfleger, der jahrzehntelang einen Elefanten hütete und zuguterletzt von diesem zerquetscht wurde. Gegenwärtig fühle er sich wie jener Tierpfleger. Was will der Dichter damit sagen, fragt sich nicht nur der Kanzler. Reich-Ranicki ruft: „Herr Grünbein! Bin ich der Elefant?“ Nein, natürlich ist der Elefant die griechisch-römische Tradition, die man als Grünbein intus hat, aber eben doch nicht ganz absolut setzen will. Der Dichter lässt sich von MRRs guter Laune anstecken und verweist auf den Multikulturalismus der Goethezeit. Der Kritiker wiederum verweist auf die Bibel. Der Dichter darauf, dass die mythische Europa eine Schöne aus dem Morgenland war...

Man kommt an diesem Abend nicht so richtig aus Europa heraus, um es zu überblicken. Wo Reich-Ranicki ist, ist Europa, und wo Grünbein ist, auch. Frau Weiss kapituliert höflich vor so viel euphorisierendem Selbstbewusstsein. Man hat einen Pathosraum, aber keinen Archimedischen Punkt. Macht nichts. Der Kanzler trinkt noch ein, zwei Bier, und seine Gäste verlieren sich so gegen zehn – perfekt unterhalten – in das Schneetreiben vorm Kanzleramt. Man hat noch was vor. Harald Schmidt ist wieder in Bestform.

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