Kultur : "Das Abenteuer der Materie": Kork, Watte, Feder, Licht

Aureliana Sorrento

"Für uns ist die Hitze eines Eisen- oder Holzstückes wesentlich anregender als das Lachen oder Weinen einer Frau", verkündete F.T. Marinetti 1912. Dem Verbalrabauken des italienischen Futurismus ging es darum, die Tradition zu Grabe zu tragen - und dabei möglichst viel Rabatz zu machen. Ernsthafter waren die Absichten seines Freundes Umberto Boccioni, der vorschlug, "Transparente Flächen, Glas, Metallplatten, Drähte sowie elektrische Außen- und Innenbeleuchtung" zu verwenden, um "Töne und Halbtöne einer neuen Wirklichkeit anzuzeigen". Der Bildhauer wollte die Grenze zwischen Objekt und Raum auflösen; er strebte ein Werk an, das der Geschwindigkeit des modernen Lebens entsprechen sollte.

An diese Anfänge der italienischen Avantgarde knüpft die Ausstellung "Das Abenteuer der Materie" an. Die Kuratoren Maurizio Calvesi und Rosella Siligato verweisen auf eine rein italienische Linie in der Kunstgeschichte: Von der ersten Anwendung scheinbar kunstfremder Materialien durch futuristische Künstler führt sie zu der jüngsten italienischen Künstlergeneration, die mit Video, Licht, Glas und Laser arbeitet - und damit die Entmaterialisierung des Kunstwerks bewirkt.

Im ersten, dem "Futuristischen Polymaterialismus" gewidmeten Teil der Schau werden frühe Arbeiten von Giacomo Balla, Gino Severini, Ardengo Soffici, Mario Sironi, und Enrico Prampolini gezeigt, in denen Holz, Haare, Watte, Metall, Plastik, Fäden und Flitter als autonome Gestaltungselemente auftreten: ein Schritt hin zur Verdinglichung des Werkes. Andererseits hatten die Künstler die Zerstörung der Materialität durch Licht und Bewegung proklamiert. Ein innerer (und fruchtbarer) Widerspruch, den die Ausstellung leider umgeht. Sie macht das Verhältnis zur Materie vielmehr an Prampolinis Arbeiten fest, in denen eine Feder, ein Wattebausch, ein welkes Blatt, Kork und Flitter auf einem mit Schrammen strukturierten Grund zu einem organischen Gebilde formiert sind.

Auch im zweiten Part der Ausstellung - "Die Präsenz der Materie im Bild" - liegt der Akzent auf der Körperlichkeit der Kunstmittel: auf dem Leinengarn von Alberto Burris über die Leinwand gespannten und vom Feuer durchlöcherten "Säcken" oder auf den farblosen, aber modellierten Bildträgern von Piero Manzonis "Achromes". Es mutet wie ein Missverständnis an. Die Einreihung dieser Werke aus den 50er Jahren in die postfuturistische Linie würde plausibler erscheinen, wenn die Forderung der Entgrenzung des Kunstwerks deutlich vorangestellt wäre. Offensichtlich ist hingegen, dass diese Arte Povera ihre Stofflichkeit zur Schau trägt. Jannis Kounellis Kohlebecken, Gilberto Zorios manngroßer Stern aus Speeren und Michelangelo Pistolettos "Lumpenorchester" spielen auf Mythen des kollektiven Gedächtnisses an - und die betonte Körperlichkeit holt die Chimären auf den Boden des Alltags zurück.

Der letzte Teil der Schau ist italienischen Gegenwartskünstlern gewidmet. In den Werken von Vittorio Messina, Fabrizio Corneli, Studio Azzurro und Pino Modica tritt die Materie als Nicht-Materie in Erscheinung - als Videobild, Lichtstrahl, Laserstreifen. "Brüche" von Pino Modica ist ein Glaskasten, in dem ein Hammer aufbewahrt wird. Durch Hammerschläge sind in den Gläsern spinnennetzförmige Risse entstanden, die von Neonröhren beleuchtet werden. Das Licht fließt an den Bruchstellen entlang über die Oberfläche des Kastens hinaus. Ähnliches hatte vielleicht Boccioni im Sinne, als er schrieb: "Wir verstehen den Gegenstand als Kern, von dem aus die Kräfte ausgehen, die ihn in seiner Umwelt definieren".

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