Kultur : Das abenteuerliche Leben des Jean Pierre Barthélemy Rouanet als Taschenbuch

Andreas Conrad

"Da ich bei meinem hohen Alter wichtige Erlebnisse nicht mehr zu erwarten habe, will ich diese meine Lebensbeschreibung hiermit abschließen." So unspektakulär, wie die "Lebens-Erinnerungen" des Jean Pierre Barthélemy Rouanet begonnen hatten, endeten sie auch. Aber was für einen Weg hatte der damals schon 75-jährige Franzose zurückgelegt. Wem war er nicht alles begegnet. Sogar zum Alten Fritz auf Schloss Sanssouci war er bestellt worden, der ihn wohlwollend empfing. Und wenn man erst bedenkt, dass es dazu ja nur deshalb gekommen war, weil Rouanet sich auf der Landkarte so wenig auskannte, ein zu mildes Herz und eine zu lockere Zunge hatte ...

Zum zweiten Mal versucht ein Verlag sein Glück mit dem alten Franzosen, dem Großvater vom Fontanes Frau Emilie. Schon 1904 war der bescheiden daherkommende Band "Von Toulouse bis Beeskow" erschienen, ein Reinfall für den Verleger, den selbst die Ausicht auf die "350-jährige Jubelfeier der Stadt Beeskow" nicht heiter stimmen konnte, "weil die Haupt-Attraktionspunkte des Festes wohl doch in Frühschoppen, Konzerten und leiblichen Genüssen wurzeln werden".

Er wird wohl Recht behalten haben, Pech für die Beeskower, sie haben wirklich was verpasst. Und nicht nur sie. Denn die Autobiografie des wider Willen nach Preußen eingewanderten Franzosen bietet weit mehr als historisches Lokalkolorit, gibt vielmehr einen präzisen Querschnitt durch die Gesellschaft des ausgehenden 18. und des anbrechenden 19. Jahrhunderts, des Übergangs vom Absolutismus zur Aufklärung. Und überaus unterhaltsam, ja spannend zu lesen ist sie auch noch.

Rouanet (1747 - 1837) war das jüngste Kind eines reichen Tuchfabrikanten aus Toulouse, ein, wie man so sagt, lebenslustiger Mensch und mit der ihm von seiner Familie bestimmten Laufbahn als Geistlicher überhaupt nicht einverstanden. Um den Drangsalierungen seiner Verwandten zu entgehen, ließ er sich in seiner Heimat als Soldat anwerben, was aber, wie er bald merkte, auch nicht das Rechte war. In solchen Fällen war damals Desertation üblich, Rouanet floh in die Schweiz, ausgerechnet nach Neuchâtel, damals preußisch. Dort traf er einen ehemaligen Kommilitonen, der von preußischen Soldaten angeworben worden war und dies schon bereute. Rouanet wollte helfen, gab Tipps, versprach Geld, wurde dabei belauscht, verraten - und nun von den preußischen Werbern kurzerhand selbst zum Dienst gepresst.

So kam er nach Potsdam, zur Garde des Alten Fritz und damit in die Nähe des Hofes, was sich als Glückstreffer erwies. Von französischer Herkunft und gebildet, empfahl er sich von selbst als Sprachlehrer, der Dienst ließ ihm viel Zeit, und bald ging er bei Offiziers- und Bürgerfamilien ein und aus. Auch der König wurde auf ihn aufmerksam, bestellte ihn zu sich, befragte ihn - und machte ihn zum Französischlehrer seiner Pagenschule. 1781, mittlerweile aus dem Militärdienst ausgeschieden, ging Rouanet als Kanzlist nach Beeskow und stieg dort zum Stadtkämmerer auf. Zur Zeit der napoleonischen Besetzung kam ihm seine Herkunft erneut zu Hilfe, und mit viel Verhandlungsgeschick gelang es ihm, die Last der Besatzungskosten für Beeskow zu lindern.

Seine "Lebens-Erinnerungen" hatte der Franzose eigentlich nur für seine Familie geschrieben, ohne literarische Ansprüche, mitunter mit erheblichen Lücken in der Biografie. Eher nebenbei also ist ihm damit ein unterhaltsamer Beitrag zur deutsch-französischen Kulturgeschichte gelungen, ein Zeitzeugen-Bericht im besten Sinne, wie man heute sagen würde. Und so ist dem neuen Verlag zu wünschen, dass in Beeskow und anderswo neben "Frühschoppen, Konzerten und leiblichen Genüssen" diesmal auch Monsieur Rouanet Beachtung findet.Jean Pierre Barthélemy Rouanet: Von Toulouse bis Beeskow. Lebens-Erinnerungen. Nachwort von Gotthard Erler. Aufbau Taschenbuch Verlag, Berlin 2000. 176 Seiten, 15,90 Mark

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