Kultur : Das Abgründige im Helden spielt er wie kein anderer

Christoph Funke

Die "schweren Helden" sind selten geworden auf den deutschen Bühnen. Dietrich Körner ist so einer, kraftvoll, durchschlagend, selbstbewusst. Wenn er auftritt, fordert er Aufmerksamkeit. Die aus dem Brustkasten geholte Energie deftiger Mannsbilder macht dennoch nicht das Eigentliche des Schauspielers aus. Körner liebt die Nachdenklichen, Zweifelnden, Verletzlichen. In seinen jungen Jahren hat Körner, 1950/51 in Leipzig zum Schauspieler ausgebildet, Helden wie Karl Moor oder Tellheim ganz pur gespielt, draufgängerisch, strahlend. Als er nach Engagements in Annaberg, Plauen und Dresden 1963 ans Deutsche Theater kam, reifte er zum Charakterspieler. Er begegnete den großen Rollen der dramatischen Weltliteratur nun mit bohrenden Zweifeln.

Die Geschichte des Deutschen Theaters Berlin hat Körner ganz wesentlich mitbestimmt. Seit 36 Jahren steht er dort auf der Bühne, hat vielen Stürmen standgehalten und in seiner Zeit als Gewerkschaftsvertrauensmann der Gruppe Schauspiel dem politischen Starrsinn von Parteifunktionären den Kampf angesagt. 1983 spielte er in Alexander Langs Inszenierung von Brechts "Die Rundköpfe und die Spitzköpfe" den Iberin, einen an die Macht geschobenen Unterklässler. Körner machte aus ihm einen volltönenden Demagogen, projizierte Wut über die Verlogenheit von Politikern in die Figur, und baute sie zugleich genüsslich auf. 1984 verkörperte er den Antonio in Thomas Langhoffs Inszenierung von Shakespeares "Der Kaufmann von Venedig", 1992 war er der Großkanzler in Hofmannsthals "Der Turm", ebenfalls von Thomas Langhoff auf die Bühne gebracht. Mit diesen Rollen hatte ein Wechsel stattgefunden, in das Fach der Politiker, Machtmenschen, starrsinnigen Alten. Nur wenig zu sagen hatte Dietrich Körner als Irrsigler in "Alte Meister" von Thomas Bernhard. Er saß einfach da, blickte scheinbar seelenlos und doch mit höchster Aufmerksamkeit ins Publikum, als ein in Pflichtbewusstsein erstarrter Mann. Das war das Urbild des Aufsehers, dem das Leben abhanden kam. So überrascht Körner immer wieder. Ihm und den Freunden des Theaters ist zum 70. Geburtstag zu wünschen, dass er weiter gebraucht wird - für viele Rollen.

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