Kultur : Das allererste Charakteristikum des sogenannten Ossis ist die Exotik

JOSEFINE JANERT

Manchmal scheint es, als sei die DDR erst nach der deutschen Einheit erfunden worden.Wo früher Menschen mit regionalen und sozialen Eigenheiten lebten, geistert jetzt der Ossi durch die Weltgeschichte.Ist es zulässig, 17 Millionen Anpassungsstrategien an den westdeutschen Alltag unter einem abgegriffenen Begriff zu subsumieren? Die Ethnisierung des Ostdeutschen bewährt sich - bei der Vermarktung von Kultur, in der Politik.Wenn sich Menschen einer ethnischen Gruppe zugehörig fühlen, hängt das auch damit zusammen, daß sie aufgrund kultureller Besonderheiten diskriminiert werden.Beim 3.Ostdeutschen KulturTag in Weißensee bemühten sich Kultur- und Medienmenschen, diese Besonderheiten auszuloten.Leider blieb das zu untersuchende Volk der Veranstaltung weitgehend fern.Dafür drängelten sich auf den Foren und Buchpräsentationen unzählige Journalisten vom ORB bis zur "Frankfurter Allgemeinen".So gründlich wird der Ossi hinterfragt - und zieht es vor, zu Hause zu bleiben.Das mag daran liegen, daß ihm die Sprache dieses Diskurses immer noch fremd ist.Aber in Medienanalysen ist er eine meßbare Größe.Wie der Leipziger Professor Hans-Jörg Stiehler berichtete, nutzt der ehemalige DDR-Bürger Radio und TV täglich 45 Minuten länger als der Westdeutsche, er interessiert sich mehr für die regionale Presse.Er geht eine Stunde eher ins Bett, fühlt sich der Elite nicht zugehörig.Da ihm weniger Geld zur Verfügung steht, greift er gern auf kostengünstige Kulturangebote zurück.Er zieht private den öffentlich-rechtlichen Sendern vor.Selbst TV-Klassiker wie die "Lindenstraße" erreichen in den neuen Ländern weniger Zuschauer als in Hamburg oder Bonn.

Westdeutsche Medien sind weit entfernt davon, Ost-Befindlichkeit selbstverständlich widerzuspiegeln.Ex-DDR-Bürger können sich in der westdeutschen Öffentlichkeit nicht ausreichend artikulieren.Auf dem Altar des Marktes wurden ihre eigenen Medien nach der Wende schnell geopfert.Mancher Westjournalist berichtet heute noch wie ein Auslandskorrespondent über Hoyerswerda oder Rostock.Das allererste Charakteristikum des Ostdeutschen, das zeigte der KulturTag, ist seine Exotik.Herrn Schulz aus Köln ist er noch fremder als türkische Migranten oder japanische Touristen.

"Solange Ost-Identität als für die Einheit schädlich wahrgenommen wird, wird es keine innere Einheit geben", sagte Jörn Schütrumpf, Chefredakteur des "Blättchens", einer an die "Weltbühne" angelehnte Zweiwochenschrift.Fast alle Teilnehmer waren sich einig, daß die Ossis mehr Raum bekommen müßten, um sich selbstbewußt zu äußern.Doch stimmt es, daß das Interesse an der DDR nach ihrem 50.Jahrestag 1999 schlagartig nachlassen wird, wie der Verleger Oliver Schwarzkopf prognostizierte? Dann wäre der Ossi irgendwann abgeliebt wie eine geschiedene Ehefrau.Durch den Ost-West-Diskurs werden Auseinandersetzungen über ökologische und soziale Fragen in den Hintergrund gedrängt, die 1989 in der Bundesrepublik noch eine immense Rolle spielten.Die Ethnologin Ina Merkel beklagte einen "Utopieverlust": "Mich bedrückt, daß diese westdeutsche Gesellschaft unhinterfragt noch vierzig Jahre bestehen bleiben wird." Obwohl die Bundestagswahl angeblich im Osten entschieden wurde, gehören Schröders Kabinett nur ein paar Quoten-Ossis an.

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