Kultur : Das allererste Haus am Platze

ULRICH CLEWING

Irritationen hatte es im Vorfeld gegeben, eine Reihe von gewollten und ungewollten Mißverständnissen, wie sie in Berlin schon fast zum (un-)guten Ton gehören.Inzwischen haben sich die Gemüter beruhigt.Wenn alles klappt, und danach sieht es gegenwärtig aus, dann kann Berlin in zwei Jahren die Einweihung eines neuen Museums feiern.Wobei der Begriff Museum nicht ganz ins Schwarze trifft."Centrum für Photographie" soll die Institution heißen.Der feine Unterschied ist programmatisch zu verstehen.Im Gegensatz zu einem Museum, das den größten Teil seiner Energie auf das Bewahren der Bestände verwendet, wollen Senat und Stiftung Preußischer Kulturbesitz das neue Haus zu einem Forum machen, zu einer Stätte lebendiger Auseinandersetzung rund um die Fotografie.Einen Standort hat man sich auch schon ausgeguckt: das bisherige Ägyptische Museum vis-à-vis dem Charlottenburger Schloß.

Für die Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) ginge damit ein langgehegter Wunsch in Erfüllung.Schließlich verfügen etliche der Staatlichen Museen über umfangreiche fotografische Sammlungen, ob dokumentarischer, wissenschaftshistorischer oder künstlerischer Art, ganz zu schweigen von der Kunstbibliothek sowie dem Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz mit seinen rund elf Millionen Fotos.Diese Bestände zusammenzufassen, ordentlich zu konservieren und nach und nach der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, soll eine Hauptaufgabe des "Centrums für Photographie" werden.

Doch damit nicht genug: Weil für die Realisierung eines solchen Vorhabens viel Überzeugungsarbeit nötig ist, braucht es einen besonderen äußeren Anlaß, der die verschiedenen Beteiligten auf die Idee einzuschwören hilft.Auch der ist in diesem Fall vorhanden.Der aus Berlin stammende Starfotograf Helmut Newton hat sich bereit erklärt, der neuen Einrichtung seine Fotokollektion mit mehreren tausend Blatt als Dauerleihgabe zu übergeben.Ein Helmut-Newton-Museum soll das neue Haus trotzdem nicht werden.Vielmehr erhoffen sich Senat und SPK von der Newtonschen Leihgabe so etwas wie einen Nachahmungseffekt.Außer der Berlinischen Galerie habe es in Berlin bislang keine Adresse gegeben, an die sich spendewillige Fotografen hätten wenden können, so der zuständige Referatsleiter bei der Senatskulturverwaltung, Rainer E.Klemke.Das soll nun anders werden.

Doch bevor es soweit ist, sind noch erhebliche Schwierigkeiten zu meistern.Da das Ägyptische Museum ursprünglich erst im Jahr 2006 in das dann fertiggestellte Neue Museum auf die Museumsinsel ziehen sollte, mußte hierfür eine Übergangslösung gesucht werden.Fündig geworden sind die Planer im Pergamon-Museum.Dort sollen die Schätze der Pharaonen im Erdgeschoß prominent "geparkt" werden, ehe sie in ihren endgültigen Bestimmungsort erreichen.Der Wermutstropfen dabei: Einige der großen Ausstellungsstücke wie das Kalabsha-Tor und die Sahare-Säulen werden den Zwischenstop im Pergamon-Museum mangels Platz nicht mitmachen können.Auf sie wird das Publikum lange Jahre verzichten müssen.Auch wird die Stiftung dafür zu sorgen haben, daß die Museen, die ihre Fotobestände in die neue Institution geben, auf diese bei Bedarf möglichst problemlos zurückgreifen können.Hier Reibungsverluste gering zu halten, wird enorme archivarische und logistische Anstrengungen erfordern.Denn es ist ja nicht so, daß die Bilder momentan irgendwo vor sich hinstauben.Sie sind Arbeitsmaterial und nicht zuletzt "Gedächtnis" der betroffenen Häuser.Dies aus den Augen zu verlieren, hätte fatale Folgen.

Auch nicht einfach wird die Finanzierung des Projekts.Die Kosten der Überführung der ägyptischen Bestände in das Pergamon-Museum werden auf rund acht Millionen Mark geschätzt.Für den Umbau des östlichen Stüler-Baus sind laut Machbarkeitsstudie der Münchner Architekten Hilmer und Sattler, die sich inzwischen zu Hausarchitekten der SPK entwickelt haben, rund 30 Millionen Mark veranschlagt.Die Mittel hierfür sollen aus dem Bauetat der Stiftung Preußischer Kulturbesitz kommen, den jeweils zur Hälfte das Land Berlin und der Bund bestreiten.Da dieser Etat im nächsten Jahr auf insgesamt 70 Millionen Mark festgeschrieben ist und eine kurzfristige Erhöhung unmöglich erscheint, werden andere Bauvorhaben der Stiftung, namentlich wohl jene auf der Museumsinsel, fürs erste zurückstehen müssen.

Und die eindeutigen Verlierer? Der größte dürfte die Stiftung Stadtmuseum sein, die vor nicht allzu langer Zeit einmal selbst auf den Stüler-Bau spekulierte, um dort ihre naturwissenschaftliche Sammlung zu präsentieren.Sie steht nun vor der Aufgabe, sich nach einem anderen Domizil umzuschauen.Und über kurz oder lang werden auch Gedankenspiele erlaubt sein, was mit der im angrenzenden Gebäudetrakt untergebrachten Gipsabgußsammlung des Archäologischen Instituts der Freien Universität geschehen soll.Sinnvoll wäre eine Zusammenlegung mit der ebenfalls existierenden Schausammlung der Humboldt-Universität - ein Thema, das mit viel Fingerspitzengefühl angegangen werden will.

Doch ungeachtet der offenen Fragen, die Folgekosten und personelle Ausstattung einschließen: Lohnenswert ist die Einrichtung des "Centrums für Photographie" zweifellos.Mehr noch: sie ist sogar zwingend angesichts der Aufwertung, die das Medium in den letzten Jahren in künstlerischer Hinsicht erfahren hat.Zudem hätte Berlin eine neue Attraktion, von der man behaupten kann, daß sie in Deutschland einzigartig sei.Das "Centrum für Photographie" wäre das erste Museum hierzulande, das sich ausschließlich der Fotografie widmet.Auf seiner nächsten Sitzung am 17.Dezember will der Stiftungsrat der SPK über den Plan entscheiden.

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