Kultur : Das allerneueste Testament - ein Gespräch

Christiane Peitz

Fragen Sie nicht nach den Fröschen, empfiehlt uns die Presseagentin zu Beginn der Interviewrunde. Auf die Frösche sei er schlecht zu sprechen, weil einige Journalisten die Szene nicht mochten, in der aus heiterem Himmel riesige Frösche auf Kalifornien regnen. Aber dann fängt Paul Thomas Anderson selbst an zu erzählen, wie er bereits nach dem Schreiben des Scripts von allen Seiten mit Froschbildern und Frosch-Nippes beschenkt worden sei - sogar eine Froschuhr habe er bekommen. "Sollten Sie je eine Froschplage in einem Film zeigen wollen: Denken Sie gründlich darüber nach, bevor Sie es tun."

"Magnolia" - ein Personenreigen, ein Drei-Stunden-Film. Warum diese Länge? "Ich konnte mich nicht dazu durchringen, mich für eine meiner vielen Stories zu entscheiden. Drei Stunden lang sind normalerweise Kriegsfilme und Leinwandepen wie "Lawrence von Arabien". Ich wollte wissen, ob es möglich ist, in ähnlich epischer Breite von privaten Tragödien und persönlichen Beziehungen zu erzählen. Drei Stunden sind eine Zumutung. Aber ich denke, es ist mein Job, dem Publikum etwas zuzumuten."

Tom Cruise spielt in "Magnolia" einen Sex-Guru. Gibt es solche Gurus wirklich in den USA? "Das fing schon in den Siebziger Jahren an, mit Ratgebern für Männern, wie man Frauen anmacht. In diesen Videos und Lehrgängen geht es immer um Dominanz und Verführungs-Tricks: Ich bin okay und für jedes Problem gibt es eine Lösung. Es ist lustig, aber auch traurig und dumm. Wenn jemand sich auf die Brust klopft, um sich seiner selbst zu vergewissern, sagt das sehr viel über seine Schwächen und Ängste aus." Szenen, die es auch in "American Beauty" gibt. Handelt es sich um Kinobilder einer verunsicherten Generation? Er gehöre zwar nicht zu den Baby-Boomern, meint der 30-jährige Regisseur. "Aber die Amerikaner beschäftigen sich heute in der Tag weniger mit sozialen, als mit persönlichen Themen. Alle betreiben Selbstanalyse. Warum läuft bei mir alles schief? Warum bin ich so, wie ich bin?"

"Magnolia" handelt auch von der Unmöglichkeit, sich seiner Vergangenheit zu entziehen. "Die Erkenntnis lange zurückliegender Fehler ist schmerzhaft. Reue bedeutet einen ungeheuren Schmerz, zumal es für die beiden Väter in meinem Film ja zu spät ist. Sie können nicht einmal sagen: Vergib mir, ich werde mich bessern. Sie haben keine Zeit mehr, denn sie liegen im Sterben."

Womit wir wieder bei den Fröschen wären. Zitiert er deshalb die zweite Plage aus dem Alten Testament, weil die Ägypter damit heimgesucht werden, nachdem der Pharao aus seinen Fehlern nichts lernte? Anderson muss lachen. Er hat zwar eine katholische Kindheit hinter sich, in der ihm permanentes Schuldbewußtsein eingeimpft wurde. Trotzdem wusste er nicht einmal, dass es sich um die zweite Plage handelt und folglich um die perfekte Strafe für Wiederholungstäter. So sei das im kreativen Prozess, meint der Regisseur. Seine Drehbücher schreibe er wie ein Besessener, gewissermaßen ohne Sinn und Verstand. Und hinterher stellen die anderen fest: Siehe, es war gut so.

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