Kultur : Das Alles-Karussell

Theater-Treibstoff: Jonathan Meese versucht sich an der Berliner Volksbühne erstmals als Regisseur

Jan Oberländer

Auf dem Heimweg hat man die Melodie von „Griechischer Wein“ im Ohr und kann sie nicht abstellen, so wie Jonathan Meese sich selbst nicht abstellen kann am Ende dieses Volksbühnen-Abends. Die Haus-Crew fegt schon die ziemlich verwüstete Bühne leer, da sitzt Meese noch zusammen mit Bernhard Schütz in einem Holzkäfig, und grölt zur Schlagermelodie irgendwas mit Ezra Pound und Schwein und Spartakistenwein. „Offene Spieldauer“ steht auf dem Programmzettel, manche Zuschauer gehen nach Hause, andere holen sich Bier, Rein- und Rausgehen sind ausdrücklich erlaubt.

„De Frau“ heißt das Stück, und das ist kein Druckfehler, sondern der erste Hinweis darauf, dass hier einer seine eigene Sprache, sein eigenes Universum hat, das so kryptische Figuren wie „Dr. Pounddaddylein“ und „Dr. Ezodysseuszeusuzur“ hervortreibt. Es ist Jonathan Meeses erste Regiearbeit, nachdem er bereits Bühnenbilder für Castorf entworfen hatte und bei dessen „Meistersingern“ krakeelend über die Bühne kroch („Komm mit in die totale Hermetik“).

Nun macht sich der 37-jährige Starkünstler gleich die ganze Gattung passend, lässt seine Welt auf der Drehbühne rotieren, die ganze Performance ein Zitatmansch aus Popkultur, Kunst und Legende, überall Wirrnis, Rhythmus, Parolen. Endlose Wiederholungen. In einer Szene werden Schubkarren voller Styropor-Goldbarren im Kreis herumgeschoben, jemand anders trägt Plastik-Gliedmaßen hinterher, auch die zwei Kameramänner und der Fotograf, die immer auf der Bühne sind, fahren mit in diesem grundsatzkritischen Alles-Karussell aus Geld, Sex, Krieg und Kunst. „ERZ-Theater“, schreibt Meese in einem seiner wunderlichen Manifeste, „ist die Schramme am Mädchenknie, die mit Goldpuder verdeckt wird, wie eine liebevollste Lasagne“.

Auf einer anderen Lasagne-Schicht, auf einem halb transparenten Gazescreen laufen Videos, „Clockwork Orange“-Zitate, Schütz mit Gummihandschuh überm Gesicht, oder Meese auf der Verleihung des „B.Z.“-Kulturpreises um den griechischerweinsingenden Udo Jürgens herumhüpfend. Die „B.Z.“ zitiert Iris Berben in Bezug auf Meese: Sie liebe es, „wenn Menschen sich so für ihre Kunst engagieren, dass es schmerzt“. Das mit den Schmerzen stimmt, dem Fotografen fällt die dreibrüstige Theatermuttergottheit mit ihrem aufgepflanzten Totempfahl-Pimmel auf die Nase, und auch der Rammstein-Todespop aus scheppernden Boxen schneidet ins Trommelfell. Meeses Kunst zermürbt, entnervt, überfordert, aber manchmal steigen aus dem hyperaktiven Chaos auch klare, eindringliche, hochpoetische Momente auf, wie Luftblasen, die blubbernd zerplatzen, was sehr schön und anrührend sein kann. Vielleicht meint Meese das, wenn er schreibt: „THEATERGOTT, sei erntefrisch, wie ein klarer Frühlingssee, der gefrorene Ententeich, voller Revolutions-FISHIES“.

Meeses Figuren rufen schon mal die Vorrevolution aus: „Euer Feind ist das Leihkapital!“ Sie tanzen mit Skeletten, reiten auf Kanonen und setzen sich Schokoschaumkussmonokel aufs Auge: „Artikel 1 Grundgesetz enthält sechs Unbekannte: Die. Würde. Des. Menschen. Ist. Unantastbar.“ Aber sie werde kommen, bald schon, die „totale Kunstrevolution“, Meese hat längst seine Trainingsjacke ausgezogen, er schwingt das Mikrofon, der Künstler sei dann endlich egal, „die Nummer zwei gilt nicht mehr!“ Für Meese ist die Kunst die Nummer eins, das Kunstwerk schafft sich selbst. Die Bühne sei ein „Raum voller Treibstoff“. Griechischer Wein. Meese schreit weiter. Das Stück wird es wissen.

Wieder am 27. und 28. Januar sowie am 14., 20. und 23. Februar, jeweils 20 Uhr.

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