Kultur : Das Alphabet der Abstraktion

Mondrian vor Mondrian: Die Wiener Albertina folgt dem Begründer der Moderne auf dem Weg zur Avantgarde

Nicola Kuhn

Zwei Wege, der Besucher muss sich nur entscheiden: Geht er nun vorwärts und beginnt mit den Anfängen eines ordentlichen Landschaftsmalers, der neben Rembrandt und van Gogh heute zu den bedeutendsten Künstlern Hollands zählt? Oder schreitet er rückwärts die Laufbahn dieses Moderne-Begründers ab und huldigt wie gehabt zunächst den rechtwinkligen Ikonen der Abstraktion? Immer wird er in der Mitte von Piet Mondrians Leben (1872 –1944) und dem Parcours der Albertina landen, wo abstrakte und gegenständliche Malerei zeitgleich nebeneinander existieren, die angestrebte „Metaphysik des Lichts“ noch Bodenhaftung hat.

Die schlicht „Piet Mondrian“ überschriebene Schau mit 90 Werken erweist sich in Wien als Sensation. Nie zuvor ist das Werk dieses unbestechlichen Avantgardisten in Österreich gewürdigt worden. Zu einer Ausstellung von internationalem Rang aber wird die hervorragend gehängte Präsentation durch die eindringliche Hinleitung von den frühesten Anfängen, den beschaulichen Bildern ländlichen Lebens, der zunehmenden Zergliederung alles Sichtbaren bis hin zur völligen Losgelöstheit in Linienraster mit Primärfarbfeldern. Seit der Retrospektive 2002 im Pariser Musée d’Orsay gehört es zum common sense, auf das Frühwerk hinzuweisen, auch den traditionellen Mondrian von vor 1907 zu würdigen, nicht nur die reine Abstraktion zu zelebrieren. Die jetzige Ausstellung nimmt den Besucher noch behutsamer bei der Hand und erarbeitet mit ihm Bild für Bild den Werdegang eines Jahrhundertwerks.

Der Albertina und ihrem umtriebigen Direktor Klaus Albrecht Schröder ist damit wieder ein Coup gelungen. Den hat die Galerie allerdings bitter nötig, nachdem sie zuletzt eher durch Negativschlagzeilen aufgefallen war. In einer Nacht- und Nebelaktion war das kostbarste Stück dieser weltweit größten Grafiksammlung (65000 Blatt) für eine Dürer-Ausstellung im Prado ausgeliehen worden. Der bedeutendste „Hase“ des Abendlandes hatte ohne Ausfuhrgenehmigung des Bundesdenkmalamtes die Grenze passiert – vermutlich um einer behördlichen Absage zuvorzukommen.

Bei der Mondrian-Eröffnung verkündete Bildungsministerin Elisabeth Gehrer nun, dass Österreichs berühmtester Rammler die volle Ausstellungsdauer von drei Monaten in Spanien bleiben darf. Das peinliche Zwischenspiel und auch das Zustandekommen der Mondrian-Schau werfen jedoch ein Schlaglicht auf die Ausstellungspolitik des Hauses. Von den gezeigten Gemälden kommt naturgemäß keines aus den eigenen, der Grafik vorbehaltenen Beständen; nur ein einziges Werk des in Österreich bislang notorisch unbeachtet gebliebenen Niederländers stammt aus einer Wiener Sammlung, dem Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig. Um sein 2003 glanzvoll wieder eröffnetes Haus zum Dauerrenner zu machen, muss Direktor Schröder mit den Museen der Welt in Verhandlung treten: exquisite Grafik à la Dürer oder Rembrandt gegen gemalte Meisterwerke. Als sein leichtfertiger Umgang mit der fragilen Materie jetzt ruchbar wurde, hielten sich die anderen Museumsdirektoren erstaunlich zurück, obwohl die Albertina mit über 800000 Besuchern allein im ersten Jahr ihren Institutionen den Rang abgelaufen hat. Doch seit die Wiener Museen ihre Etats selbst verantworten, suchen auch sie im Tauschhandel das Ausstellungsglück. Zurzeit wartet Vermeers „Malkunst“, Kultbild des Kunsthistorischen Museums, auf „Ausreise-Papiere“.

Im Gegenzug für die Mondrian-Schau war übrigens die Ausstellung „Von Gustav Klimt bis Paul Klee“ an den Hauptleihgeber, das Gemeentemuseum in Den Haag, gegangen. Die Wiener können sich glücklich schätzen, dadurch eine der Hauptfiguren der Moderne kennen lernen zu dürfen. Jeden Wechsel des an Wandlungen reichen Malerlebens können sie nun verfolgen. Gerade durch diese Bandbreite bestätigt sich die jeden Kunsthistoriker beglückende Erkenntnis: dass bereits im ersten Schritt auch schon der letzte angelegt ist. Mondrian hat immer danach gestrebt, zu einer überzeitlichen, überrealen Bildordnung vorzustoßen, anfangs eben nur anhand gewöhnlicher Motive wie Bauernhäuser, Kirchtürme, Apfelbäume. Die Begegnung mit den Kubisten 1911 in Paris hat den Suchenden, der bereits mit dem Symbolismus, Impressionismus, Fauvismus experimentiert hatte, erst für die reine Abstraktion frei gemacht. Dabei ließ er auch sein Vorbild Picasso hinter sich zurück, der den Bildgegenstand so radikal wie Mondrian niemals aufgegeben hätte. Eine ähnlicher Konsequenz legte nur noch der russsiche Maler Alexander Malewitsch zutage, der fast zeitgleich mit Mondrian in Paris geweilt haben soll und sich ebenfalls von den Kubisten inspirieren ließ. Allerdings folgte der 1929 dem Diktum der sowjetischen Kulturpolitik und malte fortan wieder gegenständlich, während Mondrian bis zum Lebensende der Vollendung des Abstrakten entgegenstrebte.

Die gewaltigen Entwicklungsschritte im Werk des Niederländers imponieren nicht nur, sie rühren an. Am Anfang, um die Jahrhundertwende stehen die grauen, fahlen Bilder vom drögen Landleben: Ein Bauer zieht mühsam seine Furchen, dürre Weiden durchspießen den Horizont. Schon hier ist der Wille spürbar, die Landschaft zu gestalten. Regelrecht Kompositionsmaterial wird sie in den Spiegelbildern, in denen sich das Gemälde durch die Reflektion des Wassers horizontal doppelt (1905/06). Ein erster kühner Versuch, Farbe hereinzulassen, stellt die „Rote Wolke“ von 1907 dar; durch die Begegnung mit van Gogh ein Jahr später explodiert die Palette in Rot und Gelb, und eine gewöhnliche Mühle erscheint in beinahe radioaktive Strahlung getaucht. Gleichzeitig exerziert Mondrian Strukturen durch: Den steil aufragenden Leuchtturm Domburgs rückt er immer dichter in den Vordergrund.

Architektur als künstlerische Sehhilfe findet ihren eigentlichen Einsatz in den Pariser Bildern. Aus seinem Atelierfenster schaute der Künstler auf das Bahngelände des Gare Montparnasse: In den ersten Skizzen sind noch Brandwände, Hausgiebel, Werbeaufschriften sichtbar; in der späteren „Composition No.VI“ (1914) bleiben davon nur freie Lineaturen. „Ich konstruiere aus einer Fläche Linien und Farbkombinationen mit dem Ziel, die allgemeine Schönheit darzustellen. Die Natur inspiriert mich, etwas zu schaffen: Ich möchte jedoch der Wahrheit möglichst nahe kommen, und deshalb abstrahiere ich von allem Konkreten, bis ich zum Fundament der Dinge gelange“, so das Credo jener Jahre, das ebenso für die schwebenden Quadrate von 1917 wie die Rasterungen mit farbigen Feldern seit Anfang der Zwanziger gilt. Der Weg führte zu immer weiterer Reduktion, der Rautenkomposition mit gerade zwei Linien (1931), den nur noch mit ein, höchstens zwei Farbklecksen in Rot oder Blau ausgefüllten Lineaturen. Der Mondrian reagierte sensibel auf die Zeitumstände und wich immer weiter vor den Nazis zurück, erst nach London, dann New York.

Der Ausstellung fehlen zum Finale die heiteren Bilder der späten Jahre, in denen sich Mondrian von den Hochhäusern New Yorks, dem Jazz inspirieren ließ. Die angestrebte Revision des Bildes vom rationalen, kühlen Künstler gelingt der Albertina dadurch nicht. Dafür vermittelt sie umso klarer die epochale Entwicklung vom gewöhnlichen Landschaftsmaler zum großen Abstrakten. Und Wien ist viele Schritte weiter.

Albertina, Wien, bis 19. Juni; Katalog (Prestel Verlag) 29 Euro.

0 Kommentare

Neuester Kommentar