Kultur : "Das alte böse Lied": Die Sünden der Großväter

Alexander Marek

In der Masse der Titel zur deutschen Zeitgeschichte im 20. Jahrhundert versucht Ferdinand Seibt mit seinem jetzt im Piper Verlag erschienenen Buch einen neuen Akzent zu setzen. Sein Vorhaben ist es, die erste Jahrhunderthälfte von der persönlichen Warte der "Großväter" zu erzählen.

Seibts Buch wartet aber weder mit neuen Einsichten über die fünfzig Jahre auf, die für die Generation der Großväter vor allen Dingen durch die Erfahrung zweier Weltkriege geprägt waren. Noch sind alternative Interpretationen der Schlüsselereignisse des Jahrhunderts darin zu finden. Sein Hauptaugenmerk legt der 1927 in Böhmen geborene emeritierte Professor für Geschichte an der Ruhr-Universität Bochum vielmehr auf die Betrachtungsperspektive. Es geht ihm darum, "das Dasein der Zeitgenossen, der Großväter und Großmütter herauszulösen aus dem Zwangskorsett der Retrospektive", darum, "die Sünden der Großväter verständlich zu machen". Es müsse Schluss damit sein, ihr Handeln mit der "Besserwisserei der Nachlebenden" zu kritisieren.

Seibt will sich vielmehr in die Lebenswelt der Großväter hineinversetzen, um sie für die Enkel, die er sich wohl als Leser wünscht, anschaulicher zu machen. Es ist nichts Geringeres als der Versuch einer Historisierung der Epoche zwischen der Jahrhundertwende und dem Ende des Zweiten Weltkrieges, den der Autor in seinem "Prolog von den Großvätern" als sein Anliegen umschreibt.

Wenn auch die Typologisierung der "Großväter" in konservative, christliche, jüdische, sozialdemokratische, in adlige und österreichische noch einen originellen Einstieg darstellt, ist was auf den folgenden Seiten zu lesen ist, kaum mehr als eine flüssig geschriebene, gut lesbare und in ihren Urteilen sehr zurückhaltende Deutung der deutschen Geschichte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. In gefälligem, mitunter flapsigem Plauderton wirft die Darstellung Schlaglichter beispielsweise darauf, wie es zum Attentat 1914 in Sarajevo und damit zum Ersten Weltkrieg, der "Urkatastrophe des Jahrhunderts", hat kommen können oder wie es die Nationalsozialisten vermochten, auf vermeintlich legale Weise die erste deutsche Demokratie zu zerstören.

Was sich Seibts einleitenden interpretatorischen Thesen anschließt, hält nicht deren hohem Anspruch stand. Dem Autor gelingt es nicht, die komplexen Geschehnisse dieser fünfzig Jahre tatsächlich als das Handeln der Großväter zu illustrieren.

Nach der Lektüre bleibt der Eindruck, dass es sich bei "Das alte böse Lied" um eine ambitioniert verpackte, tatsächlich aber traditionelle, ja hausbackene Darstellung der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts handelt. Eine, in der zudem Ungenauigkeiten und Fehler stören. So hieß die Partei der Kommunisten in den 20er Jahren nicht DKP, wie es durchweg in Seibts Buch zu lesen ist, sondern KPD.

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