Kultur : Das alte Ego

„Neue Leben“: Ingo Schulzes DDR-Roman auf der Bühne des Deutschen Theaters Berlin

Christine Wahl

Am Anfang ist das Buch. Reichlich dick, liegt es wie das Parade-Exponat einer Ausstellung effektvoll beleuchtet in der Bühnenmitte. Später wird es, wann immer an diesem Abend mit Schriftstücken zu hantieren ist, würdig zum Einsatz kommen. Das Buch hat alle Hände voll zu tun!

Es ist das literarische Großereignis des letzten Herbstes, das wir in der Hauptrolle von Robert Schusters Uraufführung in den Kammerspielen des Deutschen Theaters Berlin erleben: Ingo Schulzes Briefroman „Neue Leben“. An drei Adressaten richtet Schulzes Protagonist Enrico Türmer seine poetische Sendung, die von Dresdner Vorwende-Schultagen, dem Versuch, sich selbst zum systemkritischen Schriftsteller zu stilisieren, den Herbst-Demonstrationen von 1989 und schließlich der Gründung einer Zeitung erzählt, die unter marktwirtschaftlichen Verlockungen zum Anzeigenblatt mutiert. Türmer relativiert und dekonstruiert sich im Laufe des Romans permanent selbst: Der Text gewährt keinen Fixpunkt. Statt vermeintliche Wendewahrheiten aus dem Sack zu lassen, reflektiert Schulze die Fiktionalisierung der Erinnerung ständig mit – und hat sich für diesen klugen Modellversuch über die (DDR-)Geschichtsschreibung viel Zeit gelassen: Der Roman ist 790 Seiten lang.

Die Bühnenfassung, die Regisseur Robert Schuster und Dramaturg Bernd Stegemann daraus destilliert haben, zählt ganze 44 Seiten. Spieldauer: zwei Stunden inklusive Pause. Nach der ersten wirft die Schauspielerin Kathrin Klein, die sich in der Glockenrock-Rolle der realsozialistischen Oberlehrerin Myslewski auf hohem schauspielerischen Niveau selbst unsympathisch findet, ihren Kollegen das Buch vor die Füße. Es ist die einzige kleine Respektlosigkeit, die sich die Aufführung gegenüber ihrem Hauptakteur erlaubt.

Schusters Inszenierung ist eine tiefe Verbeugung vor dem Roman, die ständig auf ihre eigene Ausrisshaftigkeit verweist. Und: Sie ist wunderbar gelungen. Als Lehrstück, dass Respekt und platte, diensteifrige Bebilderung bei weitem nicht dasselbe sind. Drei breite, hintereinandergestaffelte Rahmen teilen die Bühne (von Sascha Gross) in verschiedene Spielebenen. Unter wohltuendem Verzicht auf DDR-Devotionalien springen die Akteure konzentriert hin und her zwischen realsozialistischen Kasernen-Demütigungen in Feinrippunterwäsche und dem gewendeten Redaktionsalltag beim „Altenburger Wochenblatt“.

Zwischendurch wagen sich drei vielversprechende Studenten der Ernst-Busch-Schule als Jungmännergruppe in FDJ-Hemden und Faltenröcken mit einer Art Selbstbezichtigungslitanei an die Rampe: „Wir haben uns das Pionierhalstuch umgebunden und das Lied von der Friedenstaube gesungen, als Panzer durch Budapest fuhren.“

Der Ton, den sie anschlagen, spielt einerseits noch bedrohlich kenntnisreich mit der Praxis der stalinistischen Selbstkritik und nimmt andererseits schon die Lächerlichkeit des Vorgetragenen aus heutiger Perspektive vorweg. Wie der Autor fährt der Regisseur jeglichem eilfertigen Identifikations- und Festschreibungsversuch in die Parade. In der Pose des systemkritischen Schriftstellers findet Türmer die ideale Methode, sich weder mit dem System identifizieren noch sich ihm aktiv verweigern zu müssen. Wer im Kasernenalltag seinen (selbstverständlich zu kritisierenden Stoff) findet, muss den Wehrdienst auf jeden Fall erst einmal antreten.

Diese verallgemeinerbare (DDR-)Alltagsbewältigungspraxis, eine Art permanente Selbstbeobachtung, macht Schuster zum durchaus in die Gegenwart verlängerbaren Hauptthema – weshalb es Enrico Türmer hier eben zweifach gibt. Als poetisch umgetriebenen Enrico und als fragwürdigen Chronisten und späteren Zeitungsunternehmer Türmer, der unter sorgfältiger Vermeidung jeglicher Wahrheitsbehauptung seine Geschichte erzählt, als gäbe er die Story vom „Rotkäppchen“ zum Besten: Rollenfutter für Bernd Stempel, der genüsslich auf der Denunziationsgrenze balanciert, ohne jemals abzurutschen. Und sich mit seinem von Gabor Biedermann auf Augenhöhe gespielten Alter Ego Enrico wunderbare Rededuelle mit Slapstickanleihen liefert.

Der Abend ist nicht unanstrengend. Und das ist ein großes Kompliment.

Wieder am 16. und 18. Oktober.

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