Kultur : Das Alte geht über Bord

Prinzip Verantwortungslosigkeit: Petros Markaris fährt mit der Elektrischen durch sein Athen

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Wenn jemand von den Medien zurate gezogen wird, sobald es um das Drama der neugriechischen Gesellschaft geht, dann Petros Markaris. Der Krimischriftsteller wurde in Istanbul geboren, hat in Wien studiert und lebt seit 1964 in Athen, wo er Brecht und Goethe übersetzte, für den Großelegiker Angelopoulos Drehbücher schrieb und als Erfinder des Athener Kommissars Kostas Charitos berühmt wurde. Mit heiligem Zorn analysiert Markaris die Teufelskreise aus Korruption und Vetternwirtschaft, versteckt seine Liebe zu Griechenland aber nie. Vor der Verzweiflung schützt ihn, wie viele Athener, der Humor.

Gerade arbeitet er an einer Trilogie über die griechische Krise, deren erster Band nächsten Herbst im Diogenes Verlag erscheint. Vorher aber ist Markaris mit der Stadtbahn, die in Athen alle nur „die Elektrische“ nennen, gefahren, von Piräus über den Omonia-Platz, wo das Herz des Migranten-Athen schlägt, bis hoch in das gediegene Kifisia, das seit Generationen Wohnort der Regierenden ist. Zorn und Liebe zeichnen dieses Stadtporträt in 24 U-Bahn-Stationen aus, eine Reise durch alle Bevölkerungsschichten und das, was ihnen wichtig ist. Bis zur aktuellen Krise etwa: „Abhängen, Bummeln, Konsumieren – Shoppen ist das Größte.“

Markaris zeigt Athen als Stadt der Nomaden. Mit dem bayerischen König Otto kamen Anfang des 19. Jahrhunderts Gebildete, Architekten und Handwerker aus Deutschland und Mitteleuropa, im Rahmen des griechisch-türkischen Bevölkerungsaustauschs in den zwanziger Jahren Griechen aus Kleinasien, seit dem Fall des Eisernen Vorhangs Arbeitsmigranten aus Südosteuropa, inzwischen vor allem Asylsuchende aus Asien.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war Athen aber auch Einwanderungsstadt für die Griechen aus dem eigenen Land, und auf die richtet sich Markaris’ Groll vor allem. Sie lebten zwar in Athen, fühlten sich aber den Herkunftsregionen und nicht dem Erhalt der Hauptstadt verpflichtet. War ein Viertel heruntergewohnt, kümmerte man sich nicht, sondern zog ins nächste. „Die alten Wohnviertel wurden von der Mittelschicht und dem Kleinbürgertum nicht etwa deshalb verlassen, weil man sie nicht hätte aufwerten können, sondern weil die Athener das Alte stets begeistert über Bord werfen.“

Dieser Raubbau-Mentalität spielte eine seltsame griechische Baugewohnheit in die Hände. Antiparochi heißt das furchtbare Wort, wörtlich: Gegenleistung. Bis vor wenigen Jahren vergaben Banken keine Kredite zum privaten Hausbau. Für Grundstücksbesitzer ohne Eigenkapital bestand aber (und besteht noch immer) die Möglichkeit, Deals mit Bauunternehmern einzugehen. Die zogen auf dem Gelände, auf dem bisher das Häuschen vom Opa stand, ein Mehrfamilienhaus hoch.

Der Grundstücksgeber bekam als Gegenleistung zwei oder drei Wohnungen, die er bewohnen und vermieten (!) konnte. Die Häuser sind hässlich und billig gebaut, aber was juckt das den kleinen Mann, wenn er jetzt über die Vermietung noch ein kleines Einkommen erhält – ohne zu arbeiten. So ist das Prinzip Verantwortungslosigkeit in Athen quasi Beton geworden. Natürlich findet Markaris Ausnahmen. Die Viertel, in denen sich die Flüchtlinge aus Kleinasien ansiedelten, Ano Patisia oder Nea Filadelfia etwa, sehen fast so aus wie zur ihrer Gründung: ein-, zweistöckige Häuser, mit einem kleinen Garten, einem beschaulichen Hof. Dort findet man auch Tavernen, die diesen Namen noch verdienen. Aber auch in den verschandelten Gebieten führen Markaris’ Schritte immer zu einem überraschend stillen Plätzchen oder einem Kafeneion, wo kein Fredoccino, sondern klassischer griechischer Kaffee mit einer Löffelsüßigkeit serviert wird. Und ach, am besten, man fährt gar nicht Stadtbahn, sondern erwandert die Stadt bei Nacht. Sie „strahlt dann etwas Sanftes, bisweilen fast Idyllisches aus, das sich in der Morgendämmerung verflüchtigt.“

Petros Markaris. Quer durch Athen. Eine Reise von Piräus nach Kifisia. Aus dem Griechischen von

Michaela Prinzinger. Hanser Verlag,

München 2010.

176 Seiten, 14,90 €.

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