Kultur : Das andere Afrika

Öl und Leinwand: Nigerias Filmindustrie boomt - und straft das Bild vom traurigen Kontinent Lügen

Dorothee Wenner

Chike Ogbulu lacht, als er mich auf dem Weg vom Flughafen in Lagos fragt, was ich wohl alles für schlimme Sachen über Nigeria gehört hätte. Neben dem Fahrer sitzt ein Sicherheitsmann mit einer AK47 zwischen den Knien, wir rollen im Schritttempo durch den Stau am späten Nachmittag. Eingeladen als Jurorin für den African Academy Filmpreis, will ich umgekehrt von ihm wissen, ob es stimmt, dass die nigerianische Regierung gerade mit Hilfe der Filmindustrie eine Kampagne zur Verbesserung des nationalen Image plane? Chike Ogbulu reagiert, als hätte ich einen guten Witz gemacht. Der ehemalige Pilot jobbt als Gästebetreuer der neu gegründeten Academy zur Förderung des afrikanischen Filmschaffens.

Vor fünfzehn Jahren geschah in Nigeria ein kleines, mediales Wunder: Man begann, so genannte Home Movies zu produzieren. Die Branche ist inzwischen zur zweitwichtigsten Industrie des Erdöllandes avanciert – und spielt auch im politischen Bewusstsein eine immer größere Rolle. Jährlich werden rund 1300 dieser Videos produziert, meist schnell und preiswert gedrehte Filme, die als Kassetten oder VCDs (Video-CDs mit schlechter Auflösung) in Nigeria vertrieben, aber auch in fast alle anderen afrikanischen Länder südlich der Sahara exportiert werden. In Nigeria bietet diese Industrie mindestens 125000 Menschen Arbeitsplätze, Tendenz: steigend.

Die boomende Branche ruft ungläubiges Staunen hervor. Auch nach Europa und in die USA gelangen die Videos nur wenige Tage nach dem Verkaufsstart in Lagos und sichern das wirtschaftliche Überleben vieler Afro-Shops. Zwar sind die Home Movies von bestenfalls amateurhafter technischer Qualität, aber beim afrikanischen Publikum erfreuen sie sich phänomenaler Beliebtheit. Das liegt an den Themen und Alltagsgeschichten, die aktuelle Sujets im Seifenoper-Format behandeln, angereichert mit Action, Horror und häufig übernatürlichen Erklärungen für plötzlichen Reichtum, unerklärliche Pechsträhnen, Eheprobleme oder Glaubenskrisen.

„Games Women Play“, „Critical Decision“, „Broken Marriage“ und „Dangerous Twins“ lauten die Titel der aktuellen Blockbuster. Sie spielen im städtischen Milieu, in prachtvollen Villen voller Gardinen, Seidenblumen und Sofafluchten, die von fantastisch gekleideten Damen bewohnt werden, die wiederum mit Männern in schicken Autos und mit locker sitzenden Waffen liiert oder verfeindet sind. Nicht minder populär sind die historischen Epen, die in mystisch-zeitlosen Dorfgemeinschaften angesiedelt sind. In „Eye of the God“ zum Beispiel will eine machtbesessene Prinzession kraft ihrer Position unbedingt einen Untertanen heiraten, der sein Herz jedoch längst einer anderen geschenkt hat. Das Schicksal greift in einer atemberaubenden Schlussszene ein: Aus heiterem Himmel fährt ein Blitz in die Prinzessin, just in dem Moment, da sie ihre Nebenbuhlerin verflucht – und befördert sie als bunte Windrose ins Jenseits.

„In den letzten Jahren werden unsere Filme zunehmend auch zu europäischen und amerikanischen Filmfestivals eingeladen. Aber sie werden vom westlichen Publikum wie Kuriositäten bestaunt,“ so Peace Anyiam-Fiberesima. Die Produzentin aus Lagos ist eine äußerst energische Frau Anfang dreißig, die auf einer ihrer zahlreichen Reisen eine Vision hatte, wie sie gegen die Kategorisierung der nigerianischen Home Movies als Exotika ankämpfen könnte. Sie gründete die African Academy. Deren Hauptaufgabe besteht darin, eine der amerikanischen Oscar-Verleihung nachempfundene Preisverleihung für die besten afrikanischen Filme zu institutionalisieren. „Es ist an der Zeit, dass wir unsere Erfolge als Filmindustrie feiern“, sagt Peace Anyiam-Fiberesima: „Gleichzeitig soll der jährlich verliehene African Academy Movie Award dazu dienen, afrikanische Filmschaffende im internationalen Wettbewerb zu motivieren, vor allem die technische und künstlerische Qualität unserer Produktionen zu verbessern.“

Anyiam-Fiberesima ist in der nigerianischen Filmbranche dafür bekannt, dass sie einmal gefasste Entschlüsse auch in die Tat umsetzt. Unterstützung für ihr ambitioniertes Vorhaben fand sie bei ihren sieben, stets weiß gekleideten älteren Brüdern – allesamt erfolgreiche Geschäftsleute – und bei einigen Gleichgesinnten in der von Existenz- und Konkurrenzkämpfen zersplitterten Filmszene des Landes. Vor allem die zweite mächtige Frau in dieser harten Männerwelt, die Produzentin und Regisseurin Amaka Igwe, wurde zur Verbündeten. Und so hängt über der African Academy seit ihrer Gründung auch ein feministischer Stern. Peace Anyiam-Fiberesima ist auf allen TV-Kanälen als strahlende, zugleich aber kampfbereite Verfechterin der neuen Institution zu sehen: „Es gibt viel Neid und Eifersucht. Deswegen habe ich von Anfang an das kontinentale Konzept favorisiert, auch wenn es schwer ist, Kontakte zu den anderen Ländern aufzubauen. Das Misstrauen gegenüber der nigerianischen Filmindustrie ist groß.“ Die ghanesische Regierung zum Beispiel versuchte jüngst einen Einfuhrstopp nigerianischer Filme durchzusetzen, um die heimische Filmindustrie zu schützen.

Die African Academy nominiert jährlich etwa 50 Filme, aus denen eine international besetzte Jury die jeweils besten auswählt. Dabei verstehen sich die Kriterien zur Beurteilung der Filme allerdings nicht von selbst. So fanden etwa die afrikanischen Jury-Kollegen in diesem Jahr einen der nominierten Hauptdarsteller deswegen ungeeignet, weil er seine Rolle zu sehr auf „Buschmann“ angelegt habe. Der Oscar-nomierte südafrikanische Film „Yesterday“ hingegen sei zu dokumentarisch – überhaupt wurde moniert, der amerikanischen „Oscar-Gang“ fehle jedes afrikanische Kulturverständnis.

Denn der afrikanische Film, das seien eben nicht jene „Wüstenstreifen“, die immer wieder das westliche Vorurteil vom traurigen Kontinent bestätigen. Vielmehr, so die Filmexperten vor Ort, geht es darum, „ein Bild von Afrika vermitteln, in dem es Zukunft und Zuversicht gibt – und nicht nur Aids und Elend.“

Das Problem dabei ist der immense Unterschied zwischen den Ländern: Wie vergleicht man Filme aus Ghana, Kenia, Nigeria oder Benin mit solchen aus Südafrika, die häufig über ein Vielfaches des Produktionsbudgets verfügen? Produktionsbedingungen wirken sich nun einmal auf die Qualität von Kamera, Schnitt und Ton aus.

Peace Anyiam-Fiberesima ist es gelungen, den Gouverneur von Bayelsa, einem Bundesstaat im Süden von Nigeria, als Unterstützer der African Academy zu gewinnen. Dipreye Alamieyeseighas Interesse an der Sache besteht darin, mit der alljährlichen Zeremonie Glamour in die verarmte Erdölregion zu bringen. Das Geld, das die Konzerne für Förderkonzessionen an Nigeria zahlen, versickert ohne Rückflüsse in der weit entfernten Hauptstadt Abuja. Der Politiker, der stets einen Cowboyhut trägt und sich in der Lokalpresse gern als ein Mann präsentiert, „der sich von nichts und niemandem einschüchtern lässt“, verknüpfte seine diesjährige Preisrede denn auch mit einem Appell an die angereiste Prominenz: Man möge die Home-Movie-Industrie doch bitte zum „Sprachrohr eines reichen Volkes“ machen. Die Gäste akklamierten mit einem begeisterten „Hossa, Hossa, Hossa“, das irritierend an einen Rex-Gildo-Hit aus den Siebzigerjahren erinnerte.

Es hängt einiges davon ab, ob der Staat neben dem Erdöl eines Tages auch Filme fördert. Bisher betrachtet die Politik die Filme als reine Imageaufbesserung. Und auch die westliche Welt tut gut daran, wenn sie in den nigerianischen home movies nicht nur billige Unterhaltung sieht. Sondern auch eine Provokation gegen das eigene, reichlich verstaubte Afrika-Bild.

Die Autorin ist Filmjournalistin und Mitarbeiterin der Berlinale mit dem Schwerpunkt Afrika. Sie war in diesem Jahr Jurymitglied der African Academy.

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