Kultur : Das Antlitz unserer Zeit

KLAUS HAMMER

Der Bildhauer Bernhard Heiliger - Eine Retrospektive in seiner Geburtsstadt StettinVON KLAUS HAMMERSein Stettiner Geburtshaus Am Logengarten 11 (heute ul.Swarozyca) gegenüber der alten Loge der "Drei Zirkel" steht noch, auch die ehemalige Kunstgewerbeschule am Grünhofer Markt (heute pl.Kilinskiego), an der Bauhaus-Schüler lehrten und in der der junge Bernhard Heiliger seine erste Ausbildung in der Bildhauerklasse von Kurt Schwerdtfeger erhielt.Das Museum der Stadt Stettin kaufte von dem 22jährigen eine "Garbenbinderin" an, die heute nur noch als Foto existiert.Zwar beteiligte er sich noch 1940 mit drei bronzenen Frauenfiguren an der Ausstellung des Pommerschen Künstlerbundes, doch zwei Jahre zuvor war er schon nach Berlin übergewechselt und hatte in Paris die Avantgarde kennengelernt.Mit seiner Einberufung zum Militär brachen dann die Beziehungen zu seiner Heimatstadt völlig ab, und erst kurz vor seinem Tode - die große Retrospektive 1995 in der Bundeskunsthalle in Bonn konnte er noch erleben - wurde von polnischer Seite der Wunsch geäußert, in seiner Geburtsstadt auszustellen.Nunmehr, 60 Jahre, nachdem er seine Heimatstadt verlassen hatte, zeigt das Nationalmuseum Stettin wieder Arbeiten des Künstlers, Skulpturen, Reliefobjekte, Assemblagen und Zeichnungen, eine repräsentative Auswahl aus fast allen Werkphasen, die die Bernhard-Heiliger-Stiftung in Berlin zusammen mit anderen deutschen Sammlungen zur Verfügung stellte.Auch zwei frühe, noch in Stettin entstandene Arbeiten sind dabei.Kurator dieser in vier Sälen hervorragend präsentierten Schau ist Lothar Romain, Präsident der Berliner Hochschule der Künste, ein profunder Kenner des Heiligerschen Werkes.Während Heiliger hierzulande als einer der bedeutendsten Bildhauer in der zweiten Jahrhunderthälfte gilt und seine Großskulpturen im öffentlichen Raum von Berlin, Bonn, Frankfurt am Main, Nürnberg, Stuttgart und andernorts betrachtet werden können, kommt für die Polen diese Ausstellung einer Entdeckung gleich.Dabei werden sie Verwandtschaften mit ihrer eigenen Nachkriegsbildhauerei feststellen, die sich in Richtung einer biologischen Abstraktion und eines surrealistischen Expressionismus entwickelt hat.Wie bei manchem seiner polnischen Kollegen bestanden die räumlichen Strukturen, die Heiliger seit den fünfziger Jahren zu schaffen begann, aus abstrakten Kompositionen, die komplizierte, sich simultan ausbreitende Systeme bildeten.Die Skulptur ist das Antlitz unserer Zeit.Sie hat unsere existentialistischen Ängste, unsere Furcht und Unruhe begleitet.Mit Heiliger aber war die Zeit gekommen, sich wiederzufinden.Seine Arbeiten ponderieren die Richtungen und Gewichte aus, ordnen die Gegensätze ein, koordinieren die Achsen, kehren zur schlichten Sprache des Raums zurück, bis jedes Ding den ihm entsprechenden Sinn und Platz - seine Balance - findet.Freizügig, veränderlich und ungehindert breitet das Werk sich im Raum aus.Hier sind die tief verborgenen Käfte konzentriert, die verschiedene Aspekte der menschlichen Existenz, Natur und Technik, Mensch und Kosmos verbinden, und die Dramatik ihres gegenseitigen Durchdringens, ihre innere Bewegung bestimmt nicht nur die Atmosphäre des bildhauerischen Schaffens, sondern wird auch dem Betrachter zum Erlebnis.Es entsteht ein Symbol, das menschliche Bestrebungen und Sehnsüchte in sich vereint und doch eine konkrete, bestimmte Situation zum Ausdruck bringt.Die zwischen 1950 und 1962 entstandenen Köpfe bedeutender Persönlichkeiten enthalten eine besondere Suggestion physiognomischer und psychischer Inhalte, denn sie existieren immer an der fließenden Grenze von Erstarrung und sprechender Lebendigkeit, Tektonischem und Dynamischen, von Senken und Buchten, Drehung und Abbruch der Drehung.Ihr Material - Zement - läßt sie wie ausgewaschen und doch voller Profil erscheinen.Der Ausdruck konzentriert sich vor allem in den Augen, die durch gebohrte Pupillen in verschliffenen Wülsten angedeutet sind.Die ruhenden oder sich bewegenden weiblichen Akte Heiligers (Liegende, 1949; Seraph I, 1950, beide Bronze) heben sich bald von der Erde ab, sie wachsen pflanzenhaft empor oder schwingen sich wie ein Vogel in die Lüfte.Den Torsi oder organischen Formen hat der Energie- und Luftstrom Linien und Rillen, schrundige Verletzungen in die Körper eingeritzt.Die spiegelartig glänzende Epidermis jener Formen, die im Zwischenbereich von Organischem und Technoidem angesiedelt sind, wird auch dünnhäutiger, durch die Expansion im Raum scheint das Material sichtlich aufgebraucht zu sein.In den achtziger Jahren wird dann die "Bronzezeit" durch die "Eisen- und Stahlzeit" abgelöst, in der offene, dynamische, gerüsthafte Konstruktionen entstehen.Kreis, Scheibe, Kugel und andere gekantete, geometrische Formen werden mittels Stangen und Rohren in den Raum überführt.Die Flächen verlaufen in oft gegensätzlicher Weise in Geraden und Bögen, die Rohre und Stangen beschreiben ausgreifende Raumlinien.Eine Kugel scheint plötzlich auf der Fläche oder schienenartig gebogenen Stäben zu laufen.Zwischen Körper und Raum, Fläche und Volumen, Stabilität und Labilität, zentrifugalen und zentripetalen Kräften entsteht eine vibrierende Spannung.Wie Berlins Kultursenator Peter Radunski zur Eröffnung der Ausstellung sagte, zu der mehr als 150 Freunde der Kunst Heiligers aus Deutschland angereist waren, werden hier Zeichen gesetzt, Zeichen einer europäischen Nachbarschaft.Denn Bernhard Heiliger, der große Sohn Stettins, gehört den Deutschen wie den Polen, er gehört Europa.So wie Stettin und Berlin als Städte mitteleuropäischer Kultur einander näher kommen werden, sollte auch manch Berliner die zwei bis drei Autostunden nach Stettin nicht scheuen, diese wirklich sehenswerte Ausstellung ebenso wie das reiche Kulturleben der Stadt kennenzulernen. Muzeum Narodowe w Szczecinie (Nationalmuseum Stettin/Galerie für Gegenwartskunst), ul.Staromlynska 1, bis 30.August.Di/Do/Sa/So 10-17 Uhr, Mi/Fr 9-15 Uhr 30.Zweisprachiger Katalog, 20 DM.

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