Kultur : Das apokalyptische Tier

Späte Gespräche: Ernst Schumacher versucht sich als Bertolt Brechts Eckermann

Peter von Becker

Dieses Buch ist wie ein Ziegelstein. Rot, dick und schwer. Ernst Schumachers 560-seitige Erinnerungen „Mein Brecht“ sind der wohl gewichtigste Beitrag zum diesjährigen Brecht-Jubiläum. B.B. ist vor einem halben Jahrhundert gestorben, und der selbst bereits 85-Jährige, nach dem Mauerbau von München nach Ostberlin übersiedelte Autor will mit der Rückschau zugleich das Fortleben Brechts beschwören.

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Nicht nur mit diesem Impuls steckt „Mein Brecht“ voller Ambivalenzen. Eigentlich schreibt Schumacher eine Autobiografie, die ihrerseits die lebensentscheidende Begegnung mit Brecht und seinem Werk umkreist. Dabei werden subjektive Erfahrungen zugleich mit dem Anspruch der historisch-wissenschaftlichen Dokumentation und Objektivierung vorgetragen: Weil Schumacher viele Gespräche mit Brecht in den Jahren 1949 bis kurz vor dessen Tod im Sommer 1956 notiert hat und als selbstverbürgte O-Töne in wörtlichen Zitaten mitteilt.

In seiner Eckermann-Rolle bestätigt Schumacher das bekannte Brecht-Bild der späten Jahre, und da er auf keine dramatischen (erotischen oder politischen) Enthüllungen zielt, kann man sich ihm auf dem Grat zwischen Dichtung und Wahrheit gelassen anvertrauen.

Freilich bleibt die Frage: Ist dieser Verfasser so besonders, und sind seine Erinnerungen derart bedeutend, dass sie den auftrumpfenden Titel „Mein Brecht“ ins Recht setzen? Schaut man auf das Porträt Brechts als sozialistischer Großdramatiker und kulturpolitisch in der DDR dennoch nicht unumstrittene Ikone (was Schumacher eher widerstrebend zugibt und mit zeitbedingten Ignoranzen zu erklären oder zu entschuldigen sucht), bedenkt man zudem Ernst Schumachers Rolle als Nestor der DDR-Theaterwissenschaft sowie als mächtiger und machtnaher Theaterkritiker der DDR bei der „Berliner Zeitung“, dann hätte man ihm zu einem weniger prätentiösen Titel geraten. Schumacher wehrt sich im Vorwort zwar gegen den Verdacht der Anmaßung. Aber sein Buch wirkt in vielen Passagen eitel. Was er tut und schreibt, ist immer richtig und wichtig (auch für Brecht); und selbst bei der Nachricht vom unerwarteten Tod des Dichters weichen Schock und Trauer nach wenigen Zeilen der umfänglichen Beschreibung, wie er, Schumacher, den Nachruhm des Verstorbenen zu befördern half.

Trotz solcher Einwände ist „Mein Brecht“ ein bedeutsames Buch. Kurioserweise liegt das weniger am großen B.B. als an den Lebensumständen seines Schülers. Ernst Schumachers Biografie nämlich ist in ihren besten Teilen ein unbedingt lesenswertes Stück west-ost-deutscher Nachkriegsgeschichte. Der Autor, der sich als Person neben seiner Bildung und Intelligenz etwas sehr verschmitzt Bayrisch-Lausbübisches bewahrt hat, stammt wie der Augsburger Brecht aus dem allgäunahen Oberbayern. Er war, aus bescheidenen Verhältnissen kommend, ein an der Ostfront schwer verwundeter Junge, der 1943 als nunmehr Kriegsuntauglicher in München beim berühmten Theater- und Literaturwissenschaftler Arthur Kutscher zu studieren begann. Kutscher erwähnt und zitiert für ihn erstmals Brecht, den er (fälschlich) einen „Halbjuden“ nannte und in einer Mischung aus Abscheu und Bewunderung als das „apokalyptische Tier der deutschen Literatur“ vorstellte.

Schumacher, damals noch gläubiger Katholik, stieß so auf frühe, in der NS-Zeit verfemte Gedichte Brechts, beschaffte sich dann die Texte der ungespielten Stücke – und war ergriffen. Doch als er nach dem Krieg in München über Brecht promovieren wollte, schüttelte Kutscher den Kopf und meinte lachend, eine Doktorarbeit über einen Kommunisten, und das bei ihm: „Wo ich selber noch gar nicht entnazifiziert bin!“

Bei den Proben zum „Puntila“ lernte der Münchner Student dann 1949 den aus dem amerikanischen Exil über die Schweiz nach Berlin zurückgekehrten Meister kennen. Und der schätzte sehr bald diesen jungen bayrischen Landsmann, der später bei Hans Mayer in Leipzig, unter Beobachtung auch von Ernst Bloch, über Brechts Theater vor 1933 promovierte. Schumacher hoffte wie Brecht auf ein vereintes, neutrales, pazifistisches Deutschland.

Als Wanderer zwischen West und Ost geriet er mit seinem neuen Glauben an den Sozialismus immer stärker in die Schusslinien des frühen Kalten Krieges; er wurde vorübergehend verhaftet und saß ein in München-Stadelheim: ein Opfer der Kommunismus-Phobien der jungen, bald zur Wiederbewaffnung drängenden Bundesrepublik. Das antifaschistische intellektuelle Milieu im Brecht-Umkreis wurde da für den Verfolgten und Gefährdeten – was Schumacher spannend und ohne jede Larmoyanz beschreibt – zum immer stärkeren Magnet. Und die Pointe war, dass Brechts Begräbnis im August 1956 mit dem Tag des KPD-Verbotsurteils des Bundesverfassungsgerichts zusammenfiel.

Der junge Dramatiker Peter Hacks war schon früher (auf Brechts Rat) von München nach Ostberlin gezogen. Schumacher, der als Jungjournalist nach China und Vietnam reiste und dort Tschou En-Lai und Ho Chi Minh interviewte, folgte erst später diesem Beispiel. Seine Karriere als Kritiker der „Berliner Zeitung“ und Professor der Humboldt-Universität begann in den sechziger Jahren. Dieser Weg von West nach Ost ist im Buch ein bemerkenswertes Zeitzeugnis.

Für Schumacher, den ideellen Kommunisten, war die Wende 1989 dann auch eine Niederlage. Ihm sind die historischen Gründe wohl bewusst. Und er, alles andere als ein „Wendehals“, bekundet nun in einem unsentimental spröden Stil Trauer und Trotz. Das wirkt aus seiner Biografie heraus verständlich. Aber eine wirkliche Trauerarbeit, die auch die Fähigkeit zur selbstkritischen Erkenntnis (und Scham) umfasst, gelingt ihm nicht. Man sieht das am deutlichsten an der Haltung zu Stalins Verbrechen und Chruschtschows Enthüllungen auf dem 20. Parteitag 1956 in Moskau. Schumacher laviert da zwischen Einsicht, Taktik und Illusion genauso wie Brecht und verleugnet den systemnotwendigen Zusammenhang mit der realsozialistischen Betonierung der DDR. Stalins „Säuberungen“ werden verharmlost, auf Seite 450 heißt es zu Brechts Mitarbeiterin und Schauspielerin Carola Neher „die im Krieg umgekommen war“ – obwohl er an anderer Stelle benennt, dass sie ein Opfer des Gulag wurde. Stalin selbst übrigens fehlt im 33-seitigen Personenverzeichnis.

Auch auf der ästhetischen Ebene mangelt Schumacher der freie, (selbst)kritische Blick auf die Probleme des Brecht-Theaters nach Brechts Tod. Ebenso wie die einschnürende Theaterpolitik der Brecht-Erben bleiben alle künstlerischen Debatten, nicht nur Handkes berühmtes Plädoyer „ Horváth ist besser als Brecht“, im langen Nachwort über die Nachwirkungen ausgeblendet. Wie gut Schumacher dagegen sein kann, wenn er frech und freier schreibt, zeigt seine hinreißende Schilderung der von Helene Weigel geleiteten „Witwenversammlung“ nach des Meisters und Machos Begräbnis im Berliner Ensemble. Da hören wir von Ferne auch Brecht selber, sein ironisch „meckerndes Lachen“ nachklingen.

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