Kultur : Das Auge der großen Stadt

NICOLA KUHN

Wer es bislang nicht wußte, nie selber erfahren hat, Helen Levitts Fotografien zeigen es: Die Straße tanzt.Ihre Hauptdarsteller, die spielenden Kinder, die sie beobachtenden Erwachsenen, beherrscht eine geheime Choreographie, die nur sieht, wer den Rhythmus spürt.Helen Levitt hat dieses eigenartige Ballett seit den dreißiger Jahren eingefangen.Noch heute sind die Menschen auf den Bürgersteigen New Yorks, ist die rätselhafte Choreographie ihrer Gruppenkonstellationen, ihrer Gesten und Mimik das Hauptmotiv der inzwischen Fünfundachtzigjährigen.Wer ihre Bilder sieht, meint Momente einer fremden Wirklichkeit zu sehen, die ihm dennoch vertraut vorkommen: das Phänomen zeitloser Kunst, in der sich bestimmte Wahrheiten verkörpern.

Und dennoch ist diese Klassikerin der amerikanischen Straßenfotografie, die bereits 1943 im New Yorker Museum of Modern Art ihre erste Einzelausstellung erhielt, in Deutschland weitgehend eine Unbekannte.Erst die documenta X im vergangenen Jahr machte das hiesige Kunstpublikum mit ihr bekannt.Im Fridericianum, dem Herzstück der documenta, hing zwar nur eine kleine Auswahl ihrer Bilder, doch eine Neuentdeckung im Bereich der Künstlerfotografie war gemacht, ihr in den vierziger Jahren entstandener Dokumentar-Kurzfilm "In the Street" war permanent von Besuchern umlagert.Anläßlich der 48.Berliner Festwochen gibt es nun Gelegenheit, dieses Werk genauer kennenzulernen.Mit Hilfe der DG Bank sind siebzig Beispiele ihrer Kunst in die Festspielgalerie geholt worden, die zuvor im Frankfurter Kunstverein und dem Salzburger Rupertinum zu sehen waren und als nächstes in die Münchner Villa Stuck gehen werden.

Die drei in Damenkleidern posierenden Jungs, die auf einem Schotterplatz tobenden Lausbuben, die sich balgenden Mädchen vor einer Häuserwand - immer wieder hat Helen Levitt Augenblicke eingefangen, die Geschichten erzählen: von der Angst, dem Spaß, der Unterdrückung auf den Straßen Harlems und der Lower East Side, die sich bereits in den Begegnungen der Kleinen ausdrücken.Wie kaum ein anderer Fotograf kommt sie darin dem Ideal des von Henri Cartier-Bresson formulierten "entscheidenden Momentes" nahe; die Begegnung mit dem französischen Bildreporter im Jahre 1935 sollte fortan ihren Blick prägen.Der Schriftsteller und Levitt-Freund James Agee nannte es "Glück des Zufalls", das aber ausschließlich den Könnern beschert wird.

Die Spannung ihrer Bilderzählungen gelingt jedoch nur, weil die Fotografin sich aus dem Geschehen heraushält, von den Abgebildeten scheinbar unbemerkt bleibt.Aus diesem Grunde sind vor allem Kinder ihre Protagonisten; sie können in ihrem selbstvergessenen Spiel am leichtesten die Gegenwart des Beobachters ignorieren.So sind Helen Levitts Aufnahmen zugleich von Anteilnahme und Distanz geprägt: einer bis heute ungestillten Neugierde auf die geheimnisvollen Begegnungen der Straße, die magischen Momente des dort Tag für Tag gegebenen Stücks (nur einmal verließ sie ihre Stadt für eine Reise), gepaart mit einer Reserviertheit, die diese Beobachtungen vor Sentimentalität bewahrt.

Mag in der Betrachtungsweise bundesdeutscher Ausstellungsbesucher auch ein gewisser Voyeurismus mitschwingen angesichts des exotischen Ambientes von Brooklyn und der Bronx, Helen Levitts Bilder bleiben jedoch vor allem faszinierend als Studien menschlicher Begegnungen, als Hommage an die Vitalität einer Stadt.

Festspielgalerie, Budapester Straße 48, bis 4.Oktober; während der Festwochen täglich 10-18 Uhr; Katalog (Prestel Verlag, München) 29 Mark.

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