Kultur : Das Auge, ein Kontinent

Das Arsenal würdigt den koreanischen Meisterregisseur Im Kwon-Taek

Silvia Hallensleben

Als der südkoreanische Regisseur Im Kwon-Taek dieser Tage seinen Goldenen Ehrenbären entgegennahm, war das im Festivalmilieu eine erfreulich bescheidene Zeremonie, obwohl auch hier mit Superlativen nicht gespart wurde. So redete der nicht für leichtfertige Schwärmerei bekannte Laudator Ulrich Gregor von Im Kwon-Taeks „Chukje“ (Festival) als einem der schönsten Filme aller Zeiten. Und der Geehrte selbst nannte die Trophäe mit asiatischer Höflichkeit größte Ehre und größtes Glück seines langen Filmemacherlebens. Keine Spur von der fast stereotypen Indigniertheit also, die manche Ehrenpreisträger von Oscar bis sonstwo zur Schau tragen, weil ihnen die Würdigung zu sehr nach Nachruf klingt. Dabei ist auch das Filmleben des 1934 geboren Regisseurs noch längst nicht beendet. Denn der sieht nicht nur aus wie ein äußerst rüstiger Sechziger, er dreht auch gerade an seinem 100. Film.

Wie macht man das: 99 Filme in 40 Jahren? Fleiß und Routine: Im Kwon-Taek selbst nennt die ersten 50 Genrefilme, die er seit 1962 im Fließbandtempo drehte, ambitionslose Brotarbeiten zunächst in einem Zufallsberuf. Doch 1972 schloss das damalige Militärregime diese kommerzielle Unterhaltungs-Nische und stellte die Filmindustrie ganz in den Dienst antikommunistischer Propaganda: für einen gewissenhaften Mann die erzwungene Konfrontation mit Fragen der ästhetischen Moral. 1973 drehte Im Kwon-Taek mit „Jabcho“ seinen ersten persönlichen Film. 1976 folgte „Wangshibri“, ein Großstadtmelodram mit Shin Seong-Il als koreanischem Alain Delon und Kameraperspektiven, die in ihren ungewöhnlichen Blickwinkeln Christopher Doyles Arbeiten etwa für Park Ki-Yongs „Motel Cactus“ (1997) vorwegnehmen. Überhaupt engagierte sich Im Kwon-Taek bald für eine koreanische Filmsprache, die weder amerikanische noch europäische Vorlagen kopiert. Das ist ihm so gut gelungen, dass sich heute viele junge koreanische Regisseure – nicht nur theoretisch – auf ihn berufen.

Es sind Filme, die immer auch die bittere koreanische Geschichte schildern, obwohl sie nie brave Geschichtsbebilderungen sind. „Gilsoddeum“ (1985) etwa erzählt von einer Wiedervereinigung, die an der sozialen Entfremdung scheitert, die nach 30 Jahren zwischen den getrennten Familiengliedern eingetreten ist. Während die Mutter es mit neuer Familie zu sattem Nachkriegswohlstand gebracht hat, ist der Sohn, den sie als Kleinkind bei Fremden zurücklassen musste, zu einem verlotterten Asozialen geworden. Hässliche Wahrheiten. Doch es gibt auch ein so aufmüpfiges Happy End wie in „Chunhyang“ (2000), der eine koreanische Aschenputtel-Fabel in ein neues prächtiges Gewand kleidet.

„Chunhyang“ ist eine Folge elegant komponierter Bilderbögen, die von traditionellem Pansori-Gesang begleitet wird. Das ist ein perkussiv rhythmischer Sprechgesang, der nach einer halben Stunde Einhören so bluesig klingt wie John Lee Hooker höchstpersönlich. Auch die persönliche Berlinale-Lieblingsszene der Kritikerin hat mit einem Film zu tun, der von einer Pansori-Sängerfamilie im amerikanisierten Südkorea erzählt: Es ist eine mehrere Minuten lange Einstellung aus „Sopyonje“ (1993), in der eine Gruppe von Sängern aus weiter Ferne einen Feldweg entlang näher tanzt, so lange und so geduldig beobachtet, bis die drei irgendwann nach vorne aus dem Bild kreiseln. Großartiger als so hingebungsvoll bescheiden kann Kino nicht sein. Man möchte es mit dem französischen Kritiker Jean-Michel Frodon sagen, dessen Artikel für die Cahiers du Cinéma in einem neuen Kinemathek-Heft zu Im Kwon-Taek abgedruckt ist: Für ihn ist dieser Regisseur „ein Kontinent“.

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