Kultur : Das Auge im Visier

Der Mikrokosmos des Pavel Pepperstein in der Galerie Kamm

Michaela Nolte

Pavel Pepperstein ist ein Wanderer zwischen den Stilen und Metiers. Der 1966 in Moskau geborene Künstler, Schriftsteller und Theoretiker beherrscht die hohe Kunst ebenso wie die niedere, den altmeisterlichen Strich ebenso wie den plakativen Pop und schreckt auch vor kräftigem Kitsch nicht zurück. Mit Hintersinn und Humor flaniert der Mitbegründer der russischen Konzeptualisten-Gruppe „Inspektion Medizinische Hermeneutik“ zwischen Pathos und Komik, bedient sich in der Schatztruhe der christlichen Ikonographie ebenso wie bei weltlichen Symbolen oder folkloristischen Mythen.

Nach den „political hallucinations“ nimmt Pepperstein in seiner zweiten Einzelausstellung in der Berliner Galerie Kamm nun das Auge ins Visier und schafft ein bisweilen schwarzes Kabinett von erhellender Leichtigkeit. Fünfundzwanzig kleinformatige Aquarelle (je 1300 und 1400 Euro) sehen den Besucher an. „Eyes – ... little sister is watching you ...“ nennt Pepperstein seine neue Serie, die locker verteilt über die gesamten Wandflächen hängt. Der erste Eindruck aquarellierter Naivität verflüchtigt sich rasch, und sukzessive wird der Betrachter vom Beobachter zum Observierten. Mit seinem meisterhaften Mikrokosmos, der selbst im flüchtigen Strich die kongeniale Zeichenkunst offenbart, verführt Pepperstein zur Nahsicht, und bald schon beschleicht den Besucher das Gefühl, dass ihm die „Kleine Schwester“ im Nacken sitzt – und er nicht weniger zwiespältig als bei George Orwells „Großem Bruder“ einem komplexen System der Beobachtung ausgesetzt ist.

Die Galerie wird zum überdimensionalen Facettenauge, in dem sich die Omnipräsenz des Visuellen mal ganz reduziert mit wenigen, zart lasierten Umrissen entfaltet, dann wiederum als farbenfrohes, florales Mädchenauge daherkommt und immer wieder zum Auge des Gesetzes gerinnt, mit Flaggen und staatlichen Emblemen, die bei Pepperstein skurrile Harmonien oder ominöse Verschwörungen eingehen.

Winzige Augen blitzen aus kindlichen Mündern, und zwischen Iris und Pupille eines Vogelauges hat sich ein Bonsai-Vögelchen eingenistet. Auch im kleinen Format gelingen Pepperstein große Motive und Geschichten, die an die Stelle eindeutiger politischer Aussagen jedoch immer auf kuriose Kurzschlüsse der Poesie setzen. Wie eine Kreuzfahrt im Buddelschiff nimmt sich das Miniatur-Seestück mit Tiefgang aus: In dem breit angelegten Unterwasser-Panorama gehen gerade ein Auge, ein rotes Euro-Zeichen und ein Boot mit roter Fahne unter, während hoch oben an der Meeresoberfläche der kleine Dampfer davontuckert und von rechts ein akribischer Augen-Haufen wie ein Heringsschwarm mit Haifischqualitäten ins Bild schwimmt.

In einer Gesellschaft, in der die menschliche Souveränität auf dem Gipfel der freiwillig gewählten Dauerüberwachung angekommen ist, und Voyeurismus und Selbstentblößung zu Massentugenden erhoben werden, reflektieren Peppersteins Parabeln das Auge nicht mehr nur als Spiegel der Seele, sondern entlarven es als öffentlichsten Spiegel der Welt. Von sieben Augen eines apokalyptischen Lammes kullern große Tränen herab, doch Pepperstein zeichnet weiter – mit einem weinenden und einem lachenden Auge.

Galerie Kamm, Almstadtstraße 5, bis 15. Mai; Mittwoch bis Sonnabend 11–18 Uhr.

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