Kultur : Das Auge von Amsterdam

Das neue Filminstitut ist spektakulär – und exemplarisch für heutige Stadtentwicklung.

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Großer Auftritt. Das neue niederländische Filminstitut im Norden Amsterdams. Foto: rtr
Großer Auftritt. Das neue niederländische Filminstitut im Norden Amsterdams. Foto: rtrFoto: dapd

Ob wohl in siebzig Jahren Historiker und Stadtforscher vor den Kulturbauten des angehenden Jahrtausends stehen werden und sich kopfschüttelnd fragen: Was wollten die Menschen damals bloß damit? Sie hatten das Geld, sie zu bauen, aber nicht das Geld, sie zu unterhalten. Nicht nur in Spanien haben die Fluten von Immobilienboom und EU-Strukturförderung zahllose bezaubernde Muscheln ins Land gespült, um sich anschließend zurückzuziehen, die Kommunen mit sinkenden Kontoständen zurücklassend, die oft nicht ausreichen, um die Häuser mit Programm zu füllen.

Das jüngste Beispiel eröffnete jetzt in Amsterdam: Gegenüber dem Hauptbahnhof grüßt vom anderen Flussufer der Neubau des niederländischen Filminstituts als neues Markenzeichen der Kulturstadt: eine echsenhafte gen Himmel steigende Skulptur, deren weiß strahlende Falten und Flanken sich im Wasser spiegeln, entworfen vom Wiener Büro Delugan Meissl Associate Architects.

Eine 65 Jahre lange Suche komme mit dem Neubau zum Abschluss, erzählt Direktorin Sandra den Hamer. Eine Handvoll Enthusiasten habe nach dem Krieg begonnen, Filmrollen zu sammeln, die damals meist zerstört wurden, wenn sie aus den Kinos kamen. Aus der Sammlung wuchs ein bedeutendes Archiv, das in den letzten Jahren in Kooperation mit dem dänischen Filminstitut digitalisiert wurde. Über Jahrzehnte war das Filmmuseum in einem Gründerzeitbau am Vondelpark untergebracht, mit zwei Vorführungssälen, die schon lange zu klein geworden waren.

Vor allem ein öffentlicher Raum habe dem Museum gefehlt, erklärt den Hamer. Den hat es nun, im Zuge der Fusion mit anderen niederländischen Filminstitutionen, bekommen, er ist neben den vier Vorführungssälen der eigentliche Inhalt des Neubaus: ein sich in polygonförmigen Stufen aus elegantem Eichenholz zum Wasser öffnendes Atrium, das an Hans Scharouns weitläufige Raumlandschaften erinnert. Delugan Meissl gelang hier eine ähnliche Leistung wie in ihrem Stuttgarter Porsche-Museum: die Vereinbarung von Erhabenheit und Behaglichkeit in einer performativen Architektur, die mit ihren fließenden, vielfach geschnittenen Formen tatsächlich filmische Wirkung erreicht.

Es ist ein Gebäude mit Schwerpunkt auf dem Auftritt – seines eigenen als auch jenem der Besucher. Eine Bühne für eine Idee von Öffentlichkeit, die dem Kino im Siegeszug der Multiplexe abhanden kam. Auch wer kein Ticket für Ausstellung oder Vorführung kauft, kann hier abends über den Fluss auf Amsterdam blicken – im Rücken die Brachen des urbanen Hinterlands Amsterdam Noord, dessen Erschließung das Gebäude glamourös einläutet.

Denn der Neubau ist Teil eines größeren Plans. Amsterdam, das in den Nachkriegsjahrzehnten in Spiralbewegungen immer neue Flächen erschloss, wächst weiter, und so blicken Stadtplaner und Investoren seit Jahren auf den Norden, der bislang durch ein Gelände des Ölkonzerns Shell vom Rest der Stadt abgeschnitten war – und es mental noch immer ist, nachdem Shell weitergezogen ist. Das Eye und die ersten gehobeneren Apartmenthäuser sind nur auf Umwegen über Tunnel erreichbar, und die geplante U-Bahn-Linie wird wohl nicht vor 2017 eröffnen. Bislang verkehren kostenlose Fähren zwischen der Innenstadt und diesem Experimentierfeld für eine Gentrifizierung, wie sie im Buche des Soziologen Richard Florida steht.

Schon im 17. Jahrhundert profilierte sich die Bürgerstadt Amsterdam als Vorreiter im Städtebau. Nirgends in Europa waren Verkehr, Abfallentsorgung und Sozial- und Bildungseinrichtungen so gut geplant wie in Amsterdam mit seinem ausgetüftelten Grachtensystem und den großzügigen Alleen, die Nachahmer von Paris bis Sankt Petersburg fanden und später, im Jahr 2010, den Unesco-Welterbe-Status brachten. Schon in der Renaissance verstand man hier die Architektur als Währung, die mit Neubauten von Bibliothek, Theater, Stadthalle und Kirchen den Aufschluss in die erste Reihe europäischer Kulturmetropolen brachte.

Beispielhaft lässt sich hier aber auch die Stadtplanung der Gegenwart studieren, die in erster Linie Stadtmarketing ist. Bedurfte es einst einer effizienten Anordnung von Märkten, Brauereien, Schleusen und Kornspeichern, so heißt im heutigen Wettbewerb der Metropolen die Kernressource Aufmerksamkeit: die Aufmerksamkeit der Meinungsmacher, Trendsetter und Kulturtouristen. 20 Prozent der erhofften 225 000 Besucher im Jahr will das Filminstitut aus dem Ausland locken.

Seit die Unternehmen, wie Richard Florida schreibt, den Talenten nachziehen statt umgekehrt, braucht es Kunsthallen und Künstlerateliers, wie sie auch in Amsterdam Noord erkämpft und inzwischen von MTV- und Red-Bull-Dependancen ergänzt wurden. Und es braucht eine Architektur, die als global lesbares Bild um die Welt reisen kann wie das Eye; bestenfalls versehen mit den Namen sogenannter Stararchitekten, die ihrerseits hoch gehandelte Waren darstellen. Wie neureiche Kunstsammler gebärden sich die Städte, beflissen, die angesagten Namen in der Sammlung zu haben. Auch im Filminstitut ist man stolz auf die Lampen von Olafur Eliasson, als gäbe es auf der Welt keine anderen, günstigeren Innenausstatter als Olafurs Lampenladen.

Nach zehn Jahren Bauzeit wird im September auch das Stedelijk Museum neu eröffnen, mit einem Erweiterungsbau von Benthem Crouwel in Form einer riesigen, gleichsam an das Dach des Neo-Renaissancebaus eingehängten Badewanne. Vor dem neuen Eingangsportal ragt ein Aufzugturm in die Höhe: „Da kann der Lastwagen mit der Kunst reinfahren", wie ein leitender Angestellter bei einer Führung erklärt, um direkt in der neuen Megahalle im Untergeschoss auszuladen. Auch Amsterdam muss seine Schleusen öffnen als Durchfahrtsstation für eine globalisierte, generische Spektakelkunst wie die von Anish Kapoor. Der Kunstgüter-Aufzug des Stedelijk markiert eine neue Stufe in der Annäherung der Institution Museum an das Prinzip Flughafen.

Wie ist es möglich, dass unter einer rechten Regierung, die der Kultur radikal den Kampf erklärt hat, so spektakuläre Neueröffnungen stattfinden? Tatsächlich stellt das weit geschnittene Kleid des Filminstituts eher ein Kuckucksei dar denn ein sicheres Nest. Nachdem die Krise den Bau verzögert hatte, wurde er als Public Private Partnership realisiert. Das Haus gehört nun der ING Real Estate Development, die es der Stadt vermietet. Das Institut muss die Hälfte der 13 Millionen Euro Jahresbudget selbst einspielen. Das ist ein gewaltiger Marktdruck, wie Direktorin den Hamer eingesteht: „Wir hoffen, dass wir bald eine neue Regierung kriegen.“

Zu hoffen wäre in jedem Fall, dass die Kommunen bald lernen, der Suggestionskraft von Beratern und Werbern etwas entgegenzusetzen. Und dass in Public Private Partnerships der symbolische Kapitaleinsatz öffentlicher Institutionen höher gepreist wird. Und die öffentliche Hand ihre Souveränität behält in der Getriebenheit der globalen Eventökonomie.

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