Kultur : Das Auge

Zum Tod des Kameramanns Tonino Delli Colli

Peter W. Jansen

Er muss es in sich gehabt haben, von Anfang an, schon als Schüler und Lehrling. Denn er hat nie etwas anderes sein wollen als das Auge in Person, das Auge der anderen, das von Pier Paolo Pasolini und Federico Fellini vor allem. Aber auch von Louis Malle, Roman Polanski, Sergio Leone. Pasolinis „Erstes Evangelium Matthäus“ ist ohne ihn so wenig denkbar und sichtbar wie Sergio Leones „Spiel mir das Lied vom Tod“, Lina Wertmüllers „Pasqualino Settebellezze“ oder Federico Fellinis „Stimme des Mondes“.

Der 1923 in Rom geborene Tonino Delli Colli hatte sein Handwerk gründlich gelernt, so perfekt, dass man schon dem 19-Jährigen den ersten Film als Chefkameramann anvertraute. Aber er musste an die 30 Unterhaltungsfilme fotografieren, ehe er Roberto Rossellini auffiel, der ihn mit „Dov’è la libertà“ in den Adel des Neorealismus erhob. Vom neorealismo geprägt und ihn prägend waren dann schon die Kameraoperationen in Pasolinis „Accattone“ und „Mamma Roma“ – mit der unvergesslichen, nach unendlich tendierenden Kamerafahrt vor Anna Magnani her, wenn sie, Abschied nehmend vom Gewerbe, über den nächtlichen römischen Strich geht.

Wie nahe Delli Colli dem lange dokumentarischen Pathos Pasolinis blieb, zeigte sich dann im Schwarzweiß von dessen Jesus-Film, dem Protest gegen die süsßlich bunten Kreuzigungsdramolette, die damals in Hollywood produziert wurden. Als Pasolini in der grellen Künstlichkeit seiner späten Filme eine Antwort auf den Nihilismus suchte, lieferte ihm Tonino delli Colli für „Salò oder Die 120 tage von Sodom“ (1975) Bilder von absolutem Schrecken, in denen sich die präzise Unerbittlichkeit eines fiktiv-dokumentarischen Zugriffs bis zur Grenze der Ästhetisierung der Gewalt überhöhte.

Diese Grenzerfahrung zwischen Schönheit und Schrecken war es auch bereits, aus der die monumentale Bilderwelt von Sergio Leones „Spiel mir das Lied vom Tod“ (1968) entstanden war; Louis Malle hat davon profitiert („Lacombe Lucien“), genauso wie Roman Polanski, Marco Ferreri oder Jean-Jacques Annaud („Der Name der Rose“) und zuletzt noch Roberto Benigni. Das war, 1997, Tonino Delli Collis letzter Film: Sein Titel könnte auf dem Epitaph des Meisters stehen, der jetzt im Alter von 81 Jahren gestorben ist: „La vita è bella“ – Das Leben ist schön.

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