Kultur : Das Beben der Anderen

Am Deutschen Theater Berlin plättet der Regisseur Nicolas Stemann einen hoch besetzten „Don Karlos“

Peter von Becker

Fast am Ende schon, nach drei Stunden gelingt in diesem „Don Karlos“ am Deutschen Theater Berlin doch noch ein kleiner Coup. Spaniens König Philipp II. hat über den Leben und Lieben seines Sohnes Karlos, seiner zweiten jungen Frau Elisabeth und des erschossenen Marquis Posa gesiegt wie ein Pyrrhus. Da trifft der weltliche Regent den zuvor nur abwesend anwesenden Kardinal Großinquisitor. Und der sagt dem König, dass Posas überraschender, eben niedergeschlagener Aufstand des um Freiheit und Menschenrechte ringenden Gewissens längst überwacht und kontrolliert worden war. Alles lag „angefangen und beschlossen in der Santa Casa heiligen Registern“.

Friedrich Schiller hat also schon vor 220 Jahren, als er noch siebenundzwanzigjährig seinen von „Hirnwut“ (so der Weimarer Wieland) und Genie gezeichneten „Karlos“ herausbrachte, im blinden, greisen Inquisitor einen alles durchschauenden Big Brother erfunden. Einen Unheimlichen, an dessen eisernen Fäden dann selbst ein vermeintlich allmächtiger Herrscher der Alten Welt zur neuen Marionette wird. Das utopisch Moderne bei Schiller ist: dass es dabei weder nur um ein Abbild der konkurrierenden Spitzelsysteme weltlicher und kirchlicher Macht zu Zeiten der Gegenreformation im 16. Jahrhundert ging noch um den Vorrang der Religion gegenüber der Politik. Sondern um die existentiellere Einsicht, dass jeder Mächtige – und selbst der idealistische Putschist Posa – zugleich ein Gefangener der eigenen Macht und Ideologien wird. Auch die Spinne hängt im Netz.

Nicolas Stemann, der zuletzt in Hamburg ganz fabelhaft Elfriede Jelineks Meinhof-Stück inszeniert hat, findet im Deutschen Theater ein seinerseits verblüffendes Finale. Er kopiert gleichsam die virtuell-reale Welt der filmischen „Truman Show“: Nachdem zuvor eher einfallslos mit Videoprojektionen auf Metallwänden im Bühnenhintergrund hantiert wurde, erscheint der gedoppelte Großinquisitor nun einzig auf dem Schirm einer Überwachungskamera (es sind die Gesichter von Sven Lehmann und Anne Ratte-Polle). Dann fährt die Kamera zurück, die gerade gesehene Szene wird zum Bild auf dem Computer in einem anderen Theaterraum, und das setzt sich immer weiter fort, derweil das „reale“ DT zum gefilmten Einsatzort wüster Sicherheitskräfte wird. Bis auf dem Dach des Theaters sich der gott- und menschenlose Himmel über Berlin öffnet. Als letzter Abgrund.

Der totalitäre Staat zerfällt so: in der Überwachung und Abbildung aller durch alle. Darin liegt das romantische Motiv der unendlichen Spiegelung – und einer Welt in Scherben, gebrochen durch Ironie. Aber die Reflektion bedeutet in diesem Vorbild auch Reflexion. An Geist und Gedanken jedoch fehlt es Stemanns Inszenierung ansonsten ganz fürchterlich.

Auf Bürostühlen, mal vor, mal hinter dem Vorhang fläzt sich die personell zusammengestrichen Hofgesellschaft in ödester Heutigkeit. Ingo Hülsmanns zappeliger Philipp trägt erst einen Konfektionsanzug, danach herrscht er, statt eisig-aasig nur hyperventiliert, zumeist im Unterhemd und kurzer Unterhose. Für die Damen gibt es entweder goldlamierte Püppikleidchen (Königin Elisabeth) oder das schwarze Negligé (Prinzessin von Eboli). Der Infant Karlos, der hier auch mal als „Mutant“ verwitzelt wird, ist, in einer lächerlich riesigen Halskrause gefangen, von Anfang an ein infantil denunziertes Hofnärrchen, barfuß, in einer Drillichhose (der an sich hochbegabte Philipp Hochmair); die Hose muss er bald nackend runterlassen, wenn er obenrum dank Krause und kraus verheddertem Pulli buchstäblich den Kopf verliert, um sich (das ist wieder Schiller) ins Schlafgemach der erotisch offenbar bescheuerten Eboli zu verirren (Constanze Becker, die ist dann mehr von Stemann).

Oder der Marquis von Posa, die eigentliche Hauptfigur. Posa ist nach Madrid geeilt von Flandern, wo er die Gräuel der spanischen Soldateska erlebt hat. Also kommt der Mann jetzt auch: aus Darfur, Srebrenica, Ruanda, Grosny. Der wunderbare junge Schauspieler Alexander Khuon bringt an sich alles mit für einen Posa. Kraft, Feuer, Furor. Doch in Jeans, Adidasschuhen und offenem Polohemd muss er statt des entsetzten Freigeists den mauligen Freizeitlaffen von nebenan markieren. Mit Philipp säuft er Wasser aus der Plastikflasche, dann lässt auch er die Hose runter und schnippst am Gummizug seines schwarzen Slips, wenn er vom König die berühmte „Gedankenfreiheit“ fordert. Das ist freilich nicht ironisch. Nur dämlich. Keine Figur wirkt fremd und fern, auf dass man sich ihr neugierig nähern könnte – alle werden einem so platt auf den Schoß gesetzt, dass man nur aufspringen oder abdrehen möchte. Wenn die da oben Schillers Verse brechen, dann gibt es immer wieder ein „Hm“ und „Äh“ und „Hä?“. Aber, he, was soll das überhaupt? So ruft es lautlos aus dem teils eingeschläferten, teils (bei der Claque) mit weitgehend sinnfreiem Spektakel unterhaltenen Parkett.

Wer das Stück nicht kennt, versteht nämlich nur Bahnhof. Ohne jeden Querträger! All die schillernden, handlungsentscheidenden Briefe, Briefverwechslungen, Briefintrigen bleiben hier völlig unverständlich, zumal es Telefone, Kameras, Abhöranlagen gibt. Dabei hat sich Stemann bei der unvergleichlich besseren, die Spitzeldramaturgie virtuos nutzenden „Karlos“-Inszenierung von Andrea Breth in Wien bedient. Und im Kino beim „Leben der Anderen“. Alles wird zitiert, sogar die Königin (Katharina Schmalenberg), die hier als Privatgag mitunter Spanisch spricht, obwohl sie aus Frankreich stammt, sie macht den Zidane, wenn sonst die Kopfwut wider den Gatten nicht reicht. So ist alles aus zweiter, dritter, vierter Hand. Kopflos, geistlos. Bis auf den Schluss.

Wieder am 8., 11. und 16. Februar

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