Kultur : Das Berliner Bauhaus-Archiv zeigt 300 Beispiele der Druckgrafik am Bauhaus

Bernhard Schulz

Was war das Bauhaus, bevor es das "bauhaus" wurde? Die Wirkungslinien, die von der legendären Lehranstalt ins Heute reichen, entstammen dem reifen, dem Dessauer Bauhaus. Neben seinen industriell gefertigten Produkten sind es die zahllosen typographisch avancierten Druckerzeugnisse, die die damalige Entwurfshaltung lebendig halten. Von grafischer Kunst war in Dessau nicht die Rede.

In den Weimarer Anfangsjahren der Institution stand sie in um so höherer Blüte. Das Auseinanderfallen der Bauhaus-Geschichte in zwei Teile wird beim Blick auf die Grafik ein weiteres Mal deutlich. Als Walter Gropius 1919 das Bauhaus gründete, richtete er neben den anderen künstlerischen Werkstätten auch eine "Werkstatt für künstlerische Grafik" ein. Was als Widerspruch gegenüber der eigentlichen Zielsetzung einer Erneuerung der Baukunst erscheint, hatte - über den Eigenwert der künstlerischen Selbstfindung hinaus - seinen Sinn im Rahmen der Propaganda, die Gropius von Anbeginn an zu betreiben gezwungen war, um sein stets gefährdetes Bauhaus in der Öffentlichkeit zu verankern. Wo von fertigen Bauten auch nicht im entferntesten die Rede sein konnte und künstlerische Unikate auf einen engsten Kreis von Sammlern beschränkt bleiben mußten, war allein die Grafik geeignet, zumindest die breitere Zahl der Kunstinteressierten zu erreichen.

Wie auch immer die Beweggründe, die Weimarer Werkstatt erreichte bald eine bemerkenswerte Produktivität. Dem Bauhaus-Prinzip entsprechend, stand die Werkstatt den Studenten offen. Die herausragenden Arbeiten waren naturgemäß diejenigen der Bauhaus-Meister selbst. Daneben aber entstand eine Reihe von Mappenwerken, die als Unterstützung seitens der europäischen künstlerischen Avantgarde konzipiert wearen und heute nicht mehr unmittelbar mit dem herausgebenden Bauhaus in Verbindung gebracht werden.

Diesem Gesamtkomplex der Druckgrafik am Bauhaus ist die Ausstellung "Punkt.Linie. Fläche" gewidmet, die gestern abend im Bauhaus-Archiv eröffnet wurde. Mit rund 300 Arbeiten liefert sie einen wenn auch nicht quantitativ vollständigen, so doch erschöpfenden Überblick über die druckgrafische Tätigkeit am Weimarer Bauhaus zwischen der Gründung vor achtzig Jahren im Spätsommer 1919 und der Schließung im Frühjahr 1925. Fast alle Arbeiten stammen aus dem eigenen Bestand, gesammelt über die nun beinahe vier Jahrzehnte des Bestehens dieser Einrichtung hinweg, das im übrigen auf zwei volle Jahrzehnte in seinem Berliner Domizil am Landwehrkanal zurückblicken kann. So weit die Jubiläen.

Die Mappenwerke bilden das Rückgrat der Ausstellung. Reihum traten die Bauhaus-Meister hervor, angefangen mit dem unermüdlichen Lyonel Feininger 1920 über Wassily Kandinsky bis zu Gerhard Marcks. Ja, auch der Bildhauer und Keramiker war ein Bauhaus-Meister der ersten Stunde, aber die Illustrationen zum "Wielandslied der aelteren Edda" von 1923 machen deutlich, warum sich die Wege trennen sollten. Anders Kandinsky, dessen Mappe "Kleine Welten" von 1922 das Formenrepertoire des Russen in idealer Weise bündeln. Moholy-Nagys erwähnte, in Hannover gedruckte Kestner-Mappe ist reifster Konnstruktivismus. Kaum zu glauben, dass zur selben Zeit die Figurinen-Entwürfe des ekstatischen Bühnen-Leiters Lothar Schreyer gedruckt werden. Man spürt den notwendig werdenden Klärungsprozess vor diesen gegensätzlichen Blättern. 1925 trennten sich die Wege zwischen Künstlerhandwerk und Produktgestaltung, zwischen Weimar und Dessau.

Eine besondere Leistung waren die fünf Mappenwerke der "Neuen Europäischen Grafik", die die Einbettung des Bauhauses in die deutsche und internationale Avantgarde belegen sollten. Die erste Mappe stellte 1921 die Bauhäusler selbst vor, die folgenden Mappen die Mitstreiter; diejenige der Franzosen blieb Fragment. Den Höhepunkt markiert die vierte (und als letzte ausgelieferte) Mappe von 1924, die italienische und russische Beiträge in einer aparten Zusammenstellung zeigt: von Severini bis Gontscharowa, von de Chirico bis Larionow.

Die Einbindung in die europäische Kunst-Avantgarde blieb eine Zwischenetappe. Fortan warb das Bauhaus mit dem, was es produzierte - und machte Reklame wie ein Industriebetrieb. Doch wie nahestehend den Bauhäuslern tatsächlich die Grafik war, illustriert das Geburtstagsgeschenk, das die Meister ihrem Direktor 1924 machten - eine Grafikmappe, eigens für Walter Gropius entworfen. Freilich: alles Unikate.Bauhaus-Archiv, Klingelhöferstraße 14

bis 27. Februar 2000. Katalog 49 DM.

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