Kultur : Das Berliner Bauhaus-Archiv zeigt das Werk des Surrealisten

Nicola Kuhn

Eine Szene, wie sie abstruser kaum sein könnte: Eine barbusige Dame mit kahlem Kopf und einem Loch dort, wo ihr Gesicht sein müsste, zieht mit ihrem seilartigen Arm einen Löwen auf gestreiftem Karren zu sich. Was das alles zu bedeuten hat? Vermutlich wusste der Künstler selbst nicht genau, was die entfernt an de Chirico erinnernde Szenerie darstellen sollte; zumindest hütete er sich stets davor, seinen Bildern eine Interpretation mitzuliefern. Und auch sonst ließ sich der Maler Hans Thiemann (1910-1977) nicht gerne festlegen: weder auf Inhalte noch auf stilistische Vorgaben. Die Folge war sein frühzeitiges Verschwinden aus der Kunstgeschichte. Zwei Jahrzehnte nach seinem Tod wird er endlich wiederentdeckt. Eine wahre Trouvaille, wie sich nun erweist, und ein Treffer für das Berliner Bauhaus-Archiv, das überraschend den Schauplatz für den Auftritt des in Vergessenheit geratenen Surrealisten abgibt.

Die Verbindung zur Heimstätte angewandter Kunst ist schnell gefunden, denn Thiemann war Bauhaus-Schüler, einer der Letzten sogar. Gerade einmal zehn Tage vor der Schließung des in Steglitz untergebrachten Instituts im April 1933 hatte der 23-Jährige sein Diplom erhalten. Es spricht für den Schüler wie für seine Lehrer Kandinsky und Klee, für ihre gegenseitig respektierte künstlerische Freiheit, dass Thiemanns oben beschriebenes "Requisiten-Scherzo" während dieser Bauhaus-Jahre entstand. Seinen Briefen allerdings ist zu entnehmen, wie schwer ihm diese Eigenständigkeit fiel. Gleichwohl suchte der eher dem Fantastischen zugeneigte Nachwuchskünstler am Bauhaus das "rationale Gegengewicht".

Die so in jungen Jahren erworbene innere Unabhängigkeit half Thiemann auch über das Dritte Reich. Er blieb in Berlin wohnen, malte nun im Verborgenen an seinen surrealistischen Bildern und magerte sich systematisch so weit ab, dass er für den Krieg nicht mehr einsatzfähig war. Wie sich eine solche Lage für einen am Beginn seiner Karriere stehenden Künstler darstellt, wird ebenfalls in seinen Briefen eindrücklich lesbar: "meine situation ist die eines 60jährigen mannes, der auf ein lebenswerk zurückblickt, das bei mir bloss noch nicht da ist und auch gar nicht da sein kann", schrieb er 1937an eine Freundin.

Thiemanns Stunde war mit dem Jahr 1945 gekommen. Welche Überraschung für das zwölf Jahre lang rückständig gehaltene Publikum, als nach Zusammenbruch des Dritten Reiches die bis dahin im Geheimen arbeitenden Künstler ihre Bilder zeigten. Gerade darin besteht das besondere Verdienst der von Markus Krause eingerichteten Ausstellung: Nicht nur das Werk eines Einzelnen wird wieder hervorgeholt, sondern auch in sein Umfeld eingeordnet. Thiemann gehörte mit Hannah Höch, Heinz Trökes, Hans Uhlmann und Mac Zimmermann zu jener legendären Gruppe der "Fantasten", die Anfang 1946 in der Galerie Rosen ausstellten und mit ihren Aufsehen erregenden Bildern den ersten Berliner Kunstskandal der Nachkriegszeit provozierten.

Doch was war da schon gewesen? Die aus der ersten Nachkriegszeit zusammengetragenen Werke der befreundeten Künstler zeigten nur jene Anderwelten, die Thiemann bereits während seiner Bauhaus-Jahre gemalt hatte. Auf das entwöhnte Publikum wirkten sie allerdings wie eine Ungeheuerlichkeit. Ihre jetzige Ausstellung zeigt subtil die Verbindungen zwischen den verschiedenen Vertretern: Karl Hartungs Skulptur einer "Liegenden" (1948) kommuniziert mit den amorphen Formen von Thiemanns Gemälde "Unter dem schwarzen Stern" (1946), Jeanne Mammens zweidimensionale Drahtbildnisse finden ihre Erwiderung im Raum in Hans Uhlmanns filigranen Metallgebilden. Eine melancholische Melodie schwingt in allen diesen Arbeiten mit, und wer vergessen haben sollte, woher sie kommt, dem frischen die vergrößerten Fotografien des kaputten Nachkriegs-Berlin die Erinnerung auf. Unversehens scheint die aus abstrakten Gegenständen gebildete Silhouette auf Thiemanns "Lichteinfall" (1950) nicht so sehr von den amorphen Wald-Gemälden seines großen Vorbildes Max Ernst inspiriert, als von den ausgebombten Häusern und stehen gebliebenen Brandmauern einer zerstörten Stadt.

Thiemann ist in gewisser Hinsicht ein Phänomen, das jetzt erst verstanden werden kann. Den äußeren Anlass für seine Präsentation bietet zwar der bevorstehende 90. Geburtstag des Künstlers und sein auf Aufarbeitung harrender Nachlass im Besitz des Bauhaus-Archivs, doch wirken der Stilmischmasch - sich selbst nannte er einmal "Ironimus Bosch" - und die spielerischen Anleihen bei anderen Künstlern im heutigen Licht unvermutet zeitgemäß: wie die Vorwegnahme postmoderner Prinzipien. Magritte, dessen Spätwerk bis Anfang der neunziger Jahre unter Verschluss gehalten wurde, da die Nachwelt seinen "sonnigen Surrealismus" nicht zu schätzen wusste, hätte seine Freude an diesem späten Schüler gehabt. Wie der große belgische Bildermagier begann auch Thiemann in seiner letzten Phase mit Pattern zu experimentieren. Wildgewordene Ornamente überziehen plötzlich seine Leinwände und treten in Konkurrenz zu den dargestellten Personen und Gegenständen. Der Künstler hat sich in diesen sogenannten "Atelier"-Bildern endgültig die Freiheit genommen und in ihnen gegenständliche mit abstrakter Malerei vereint. Mit ihnen wiederholt sich, was Thiemann schon einmal nach dem Krieg widerfuhr: Erst Jahrzehnte später ist das Publikum in der Lage, die Gemälde anzunehmen.Bauhaus-Archiv, Klingelhöferstraße 14, bis 1. Mai; Mittwoch bis Montag 10-17 Uhr. Katalog (Kupfergraben-Verlag Berlin) 39 Mark.

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