Das Berliner Konzert von Moderat : Kuscheln ist besser als abfahren

Moderner Techno, House von heute, Popmusik zur Zeit: Das Konzert der Elektronik-Band Moderat in der Berliner Columbiahalle.

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Moderat in der Berliner Columbiahalle
Moderat in der Berliner ColumbiahalleFoto: Roland Owsnitzki

Die Berliner Elektronik-Band Moderat wird gerne als „Supergruppe“ bezeichnet, wahlweise und präziser auch als „elektronische Supergruppe“. Das liegt daran, dass zwei der drei Moderat-Musiker, Gernot Bronsert und Sebastian Szary, unter dem Bandnamen Modeselektor erfolgreich in Techno-Kreisen unterwegs sind, inklusive Remix-Tätigkeiten für so manche Pop-Größe wie Thom Yorke von Radiohead. Und der Dritte im Bunde, Sascha Ring, hat sich schon mit dem Klang-Knispel-Elektronik- und auch Singer/Songwriter-Projekt Apparat einen ordentlichen Namen gemacht.

Das allein aber ist nicht der Grund dafür, dass die drei Herren nun als Moderat gleich zweimal die Berliner Columbiahalle ausverkaufen, dafür sind die Modeselektor-und-Apparat-Szenen zu zersplittert. Das hat dann doch sehr stark mit dem zweiten und wirklich überaus schönen Moderat-Album „II“ zu tun, das im Sommer des vergangenen Jahres erschien. Darauf findet sich gewissermaßen eine Fusion aus den Klängen von Modeselektor und Apparat: hier strenge Bässe und rumpelnde Beats, kurzum: Techno mit ein paar Synthieschleifen, dort das mehr Songlastige, das Verfeinerte, auch das Fragile, Verletzliche. Moderat-Stücke sind also die Synthese aus Song und Track. Musik zum Tanzen genauso wie zum Träumen und Wegdriften. Moderner Techno, House für alle, Musik zur Zeit und für die Mitte der Gesellschaft.

Trotzdem finden sich am Dienstagabend im Publikum der Columbiahalle immer noch genügend Käppi-, Mützen-, Vollbart- und Nickelbrillenträger unter den Männern. Hier trägt jemand stolz ein T-Shirt des US-Labels Ipecac (wo Mike Patton so gut wie alle Wahnsinnigen des US-Rock veröffentlicht, aber auch deutsche Acts wie Mouse On Mars oder Bohren und der Club Of Gore) spazieren, dort stehen tatsächlich auch ein paar ältere Loddels herum und feixen sich einen; es ist hier also noch nicht ganz ein Paul-und-Fritz-Kalkbrenner-Publikum, das Moderat liebt und hört, aber die Band ist da auf einem guten Weg.

Moderat kreieren Stimmungen für Melancholiker und Liebespaare

Auf der Bühne passiert recht wenig: Gernot Bronsert, Sebastian Szary und Sascha Ring stehen hinter den Elektronik-Pulten und programmieren ihren Set. Im Hintergrund laufen Videos, auf denen es mal rot-gelb wabert, weil die Hölle bebildert werden soll, „hell is above“, mal sind einfach nur einzelne Wörter und Liedzeilen zu sehen, und einmal gibt es gar eine richtiggehende Graphic Novel. Und während Bronsert und Szary Tanzbewegungen andeuten, so tun, als verrichteten sie Schwerstarbeit, und das Publikum zum Mitklatschen animieren, greift Ring des Öfteren zum Mikro, um den einen oder anderen Song stimmlich zu begleiten.

Tatsächlich hat der Mann sogar ein wenig Soul in der Stimme, da muss man sich nicht immer nur an dünn-deutsch-wehmütig-romantisch erinnert fühlen, sondern auch schon mal an Soul-Crooner US-amerikanischer Prägung.

Moderat performen die Tracks ihrer beiden Alben, wobei sie die Hits von „II“, das an Talk Talks „It’s A Shame“ erinnernde Wehmutsstück „Bad Kingdom“ und das Dubstep-orientierte „Versions“ gleich zu Beginn spielen und am Ende das monoton pumpende, über zehn Minuten dauernde „Milk“. Es ist die Musik, die hier im Vordergrund steht, nichts anderes, Musik, in die man sich schön einkuscheln kann: Moderat kreieren Stimmungen für alleinstehende Melancholiker und Liebespaare. Die Performance der drei Musiker aber ist blass und spröde, sie selbst machen wenig her (was in Techno-Kontexten ja auch keine Rolle spielt) und sind alles andere als Charmebolzen oder gar Rampensäue.

Man fragt sich, warum man sich eine Band wie Moderat eigentlich in Pop- und Rockkonzertkontexten antun soll, ein Club oder der heimische Ohrensessel erscheint da als der bessere Ort für diese Sounds. Nur gibt es natürlich keine Clubs für so viele Menschen. Insofern muss man kein großer Prophet sein, um sehen zu können: Demnächst, also im Sommer, werden Moderat ganz sicher auf den Park- und Waldbühnen ihres Vertrauens zu sehen sein.

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