Das Berliner Pop-Duo The/Das : Die Zärtlichkeit des Techno

Fabian Fenk und Anton Feist haben, nach dem Ende ihrer Berliner Band Bodi Bill, das Duo The/Das gegründet. Jetzt erscheint ihr Debütalbum „Freezer“. Ein Treffen.

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Weddinger Mischung. „Wir sind Horror für jedes Label“, sagen Fabian Fenk (l.) und Anton Feist.
Weddinger Mischung. „Wir sind Horror für jedes Label“, sagen Fabian Fenk (l.) und Anton Feist.Foto: Anako und Rosamerk

Genau jetzt ist er da, der Moment, auf den Fabian Fenk und Anton Feist das letzte Jahr hingearbeitet haben, den sie herbeisehnten und fürchteten: Freezer, ihr Debütalbum als The/Das kommt heraus. Für einen Augenblick gibt es jede Menge Aufmerksamkeit für das Electro-Pop-Duo, Interviews, Rezensionen, eine Record-Release-Party. „Und dann macht es puff und schon ist wieder alles vorbei,“ sagt Fabian. Unglücklich sieht der 35-Jährige dabei gar nicht aus. Eher entspannt und jungenhaft mit seinen blauen Augen und seinen wasserstoffblond gefärbten Haaren.

So frei, wie er und sein musikalischer Partner sich gerade bewegen können, ging es für die beiden schon lange nicht mehr zu. „Freiheit schmeckt gut“, sagt der ein Jahr ältere Anton Feist zur aktuellen Situation. Um das zu verstehen, muss man kurz ausholen: 2005 gründete sich die Berliner Band Bodi Bill. Ein Trio, in dem neben Fenk und Feist noch der Musiker Alex Amoon mitwirkte. Bodi Bill fanden irgendwo zwischen Club und Pop ihre Nische, wurden schnell zu Lieblingen der europäischen Indietronica-Szene und steckten drin im Kreislauf aus Albumveröffentlichung und Tour, Albumveröffentlichung und Tour, Albumveröffentlichung und Tour. Es lief gut für die Berliner, was dann passierte, ist nicht so ganz klar. Gab es Streit? Bodi Bill jedenfalls wurde 2011 auf Eis gelegt, Alex Amoon machte mit seinem neuen Projekt Unmap weiter. Und Fenk und Feist gründeten kurz nach der Trennung The/Das: „Wir hatten das Gefühl, dass wir mit Bodi Bill erst einmal fertig waren, wir wollten nicht weiter mit diesen alten Latschen rumlaufen.“

Wirtschaftlich gesehen keine besonders gute Entscheidung, aber wenn man sieht, wie Fabian Fenk aufblüht, wenn er davon schwärmt, wie viel einfacher musikalische Entscheidungen im neuen Duo gefällt werden können, dann ahnt man etwas von den komplizierten Verhältnissen in der Vorgängerband. Und künstlerisch ist es offenbar auch alles im Lot: Freezer verbindet weichen Ambient-Techno mit düsterer Popmusik, die melancholisch angehauchten Songs halten stilsicher die Waage zwischen experimentell und eingängig. Fabian Fenk verleiht dabei dem alten Schlagwort vom „blue eyed soul“ neue Bedeutung: erstens leuchten seine Augen wirklich ziemlich beeindruckend, zweitens liegt in seiner Stimme ein spirituell anmutendes Flehen, das den sorgfältig produzierten Klängen zusätzliche Tiefe verleiht. Wer die alten Bodi-Bill-Tracks kennt, wird diese Stimme sofort wiedererkennen, aber der Gesang ist besser geworden, vielschichtiger, spielerischer. „Singen ist eine Intuitionssache, ich habe versucht, weniger zu rufen als früher,“ sagt Fenk, und auch wenn es noch einigen Spielraum gebe, sei er zufrieden mit dem Ergebnis.

Die beiden haben den Begriff "Techno Tenderness" für sich erfunden

Electric Soul könnte man die Musik von The/Das nennen, aber die beiden haben für sich den Begriff „Techno Tenderness“ erfunden. Das passt genauso gut, weil sich die Beats wirklich sehr sanft an ihre Hörer ranpirschen. Die Songs scheinen eine große Ruhe auszustrahlen, aber das ist akustische Täuschung: es gibt so gut wie keinen Augenblick der Stille, ständig passiert etwas, überlagern sich Basslinien und Synthiemelodien, Rhythmen und Beats. Trotzdem entsteht dabei das Gefühl von Weite und viel Platz, geschickt erzeugt durch den Wechseln von hohen und tiefen Klängen. Ein echtes Schlagzeug verbindet die Maschinen mit den Menschen, eine Gastsängerin unterstützt die melancholische Grundstimmung, „und dann haben wir hier im Studio zum Glück auch noch zwei Klaviere rumstehen“.

Dieses Studio von The/Das steht mitten im Wedding, gleich neben einer Spielhalle, in einem alles andere als sinnlichen ehemaligen Bürogebäude aus den 70ern. Im gleichen Haus sitzt auch ihr Plattenlabel, um die Ecke: Rockerkneipen und Trinkertreffpunkte, Billigsupermärkte und Imbissbuden. Aber der Kiez verändert sich: Musiker wie Pantha Du Prince und Nhoah, der Produzent von Mia, haben ihre Studios in der Nähe. Einen Steinwurf entfernt steht das als Ausstellungshalle und Club genutzte Stadtbad Wedding, in derselben Straße hat die Musikbeauftragte der Stadt Berlin ihre neuen Büros bezogen. Wenn man will, kann man diese Mischung in der Musik von The/Das widergespiegelt finden, die urbanen Klänge, die düstere Note, die Spannung, die in jedem einzelnen Song sorgsam aufgebaut und gehalten wird. Dieser Gegensatz zwischen weiträumig und angespannt ist es wohl auch, der „Freezer“ so gut macht.

Aber um was geht es eigentlich auf dem Album, worum drehen sich die ausschließlich auf Englisch gesungenen Texte? Schwer zu sagen, behaupten die beiden, letztlich seien es kleine Episoden aus dem Leben, in dem „nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen“ sei. Kein Konzeptalbum, kein roter Faden. Immerhin so viel ist zu entlocken: My Made Up Spook, das erste Stück der Platte, ist eine Liebeserklärung von Fenk an seine Freundin. Ihr Plattenlabel Sinnbus hält das Lied offenbar auch für gut und hat es als Single veröffentlicht, allerdings erst, als die beiden Musiker noch einmal Hand angelegt hatten und es mit klassischem Strophe-Refrain-Aufbau zu einem Popsong machten: „Niemand hat uns da gedrängt, aber das ist man seinem Label schon schuldig, etwas zu liefern, womit man uns promoten kann. Wir sind allerdings keine Hitmaschine und tun uns schwer damit, Songs fürs Radio zu machen. Wir sind doch ein bisschen ausgefranster, das ist der Horror für ein Label!“ Leben können Fabian Fenk und Anton Feist von ihrem The/Das-Projekt im Gegensatz zu ihrer Bodi-Bill-Zeit noch nicht, beide müssen sich querfinanzieren, der eine mit DJ-Auftritten, der andere als Filmtonmeister. Patchwork-Musiker also, die beide nicht auf großem Fuß leben, nicht in den Urlaub fahren und deren Studiomiete überschaubar ist. Die dadurch aber wieder zusätzliche Freiheiten gewonnen haben: „Wenn man in verschiedenen Projekten tätig ist, ist man nicht der einen Sache so sehr verpflichtet. Und die anderen Bandmitglieder machen einem keine Vorwürfe, wenn man sich mal nicht hundertprozentig einsetzt.“

Jetzt, wie gesagt, ist er erst mal da, der Moment, auf den sie so lange hingearbeitet haben. Ihre leicht dunkle elektronische Musik, die Melodie und Leidenschaft scheinbar mühelos verbindet, steht im Mittelpunkt und wartet auf die Fans. Zu denen gehört übrigens auch die Mutter von Fabian Fenk. Auch wenn sie am Anfang, als es 2012 mit The/Das losging, sehr geschimpft hat, ihr gefiel dieser konzeptionelle, kalte, emotionslose Bandname überhaupt nicht: „Das stimmt, er ist erst einmal nichtssagend. Aber wir stellen uns vor, dass er in drei oder vier Jahren schon etwas bedeutet. Darauf hatten wir Lust!“

Record Release Party am 15. August ab 21 Uhr im Prince Charles

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