Kultur : Das Berliner Sinfonie-Orchester mit Venzago und Francesch

Isabel Herzfeld

Neue Musik, sagte der Schweizer Dirigent Mario Venzago, sei Forschung, ohne die das lieb gewordene Alte nicht lebendig erhalten werden könne. Und alles, was analysiert werde, erscheine zunächst fremd, ein Klang genauso wie ein Stück Holz. So instruiert lauschte das Publikum im voll besetzten Großen Saal des Schauspielhauses auf die sich durchkreuzenden Glissandi und spröde verstreuten Klangsplitter, mit denen "Metastaseis" von Iannis Xenakis vor fast einem halben Jahrhundert in Donaueschingen Furore machte. Bei aller ausgeklügelten mathematischen Konstruktion, die ihm immer noch provozierende Modernität verleiht, ist das Stück auch von unmittelbarer Sinnlichkeit. Effektvoll gestalteten Venzago und das Berliner Sinfonie-Orchester die vielfarbigen, sich ausweitenden und wieder zusammenfallenden Klangbänder, denen Blech-Akzente bedrohliche Schärfe geben.

Inmitten eines Programms folkloristischer Reflexionen war das Stück des in Rumänien geborenen Griechen kein Fremdkörper: Es verarbeitet Eindrücke aus dem von den Nazis besetzten Griechenland, Maschinengewehrsalven, panische Bewegung, Protestschreie. George Enescus "Rumänische Rhapsodie" ist dagegen eine geradezu abstrakte Beschwörung eines erträumten Nationalcharakters, dem Venzagos Feinsinnigkeit die spätromantische Blässe nicht auszutreiben vermochte. Mehr rhythmische Vitalität und schärfere Kontrastlichter hätten auch Manuel de Fallas Sinfonische Impressionen für Klavier und Orchester vertragen. So aber berührten die "Nächte in spanischen Gärten" - wie der Komponist sein Werk assoziationsträchtig nannte - eher flau statt lau, eine zart berieselnde Klangkulisse für den Solisten Homero Francesch, der sich mit hartem, nicht eben farbenreichem Anschlag in den Vordergrund spielte. Solche Interpretationssorgen gibt Maurice Ravel mit seiner "Rhapsodie espagnole" kaum auf, die hier transparent, feingliedrig und stimmungsreich erklang.

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