Kultur : Das Berliner Theater unterm Dach veranstaltet "Stellungskriege"

Alle Reden Von Sex. Vor allem die, die keinen haben. Zum Beispiel Jonas Blum. Der Berliner Computerspezialist lebt in allerschönster emanzipatorischer Beziehung mit einer viel beschäftigten Frau. Beide haben eine Menge Arbeit und noch mehr Geld. Aber falls sie vor lauter Telefonitis und Terminabsprachen irgendwann einmal den Weg ins Bett finden, kommt dabei nur Krampf und Kampf heraus. Von oben, von unten, von vorn, von hinten, alles wird durchprobiert. Wo kein Gefühl und kein Begehren ist, kann aber nichts klappen. Ihre lustlosen Sexspiele sind deshalb nichts als peinigende "Stellungskriege".

Jan Jochymski gilt zu Recht als großes Regie-Talent. Seine Dresdner Inszenierung von Mark Ravenhills "Faust ist tot" und die deutschsprachige Erstaufführung von "Sleeping Around" haben auch überregional Beachtung gefunden. Jetzt hat er eine sechsköpfige Schauspieltruppe um sich geschart und ein eigenes Stück im kleinen Berliner Theater unterm Dach uraufgeführt. Oder besser: Jochymski hat eine Stücke-Idee improvisierend durchspielen und in einer satirisch-kabarettistischen Szenencollage auf die von Anne Riemann als gefühlskalten Bunker angerichtete Bühne bringen lassen.

Für "Stellungskriege" gibt es kein Textbuch, nur unendlich viele Möglichkeiten, den täglichen Frust mit der Lust szenisch auf die Spitze zu treiben. Paare und Passanten begegnen sich, sie eilen und rennen, gehen und schreiten, hetzen und hecheln, aber nahe kommen sie sich nicht. Sechs Akteure (Esther Esche, Nina Kolaczek, Ilka Teichmüller, Alexander Schröder, Axel Strothmann, Falk-Willy Wild) exerzieren die Probleme mit Distanz und Nähe in vielerlei Rollen durch. Es gibt Männer, die an der Pinkelrinne ihr Gemächt miteinander vergleichen, und Frauen, die sich fragen, ob sie an der Sperma-Menge ihrer Männer erkennen können, dass sie fremd gegangen sind. Es gibt Telefon-Sex mit Sadomaso-Einlagen, verkrampfte Disko-Anmache und schweißtreibende Sauna-Club-Tristesse. Und es gibt Jonas Blum, unseren Computerspezialisten mit dem Hang zum einsamen Onanieren. Wenn er nicht von seinem schmierigen Chef auf Dienstreise in die Provinz geschickt wird, wartet zu Hause eine Frau, die mit dem Telefonhörer verwachsen ist oder ihn in die Küche schickt, um grünen Tee zu kochen. Grüner Tee, das weiß jeder leidgeprüfte Kaffeetrinker, soll gut gegen Krebs sein. Gut für Sex ist er nicht.

Jochymski und seine Spielgefährten malen ein munteres und böses Sittengemälde unserer von Sex-Unfällen verunstalteten Zeit. Ihre mit knalligen Rhythmen unterlegte Revue der erotischen Vergeblichkeiten streut lustvoll Salz in offene Wunden. Etwas Neues, irgendeinen Hoffnungsschimmer oder einen Weg ins Offene zeigt sie allerdings nicht. FRANK DIETSCHREIT

Theater unterm Dach, Danziger Str. 101, nächste Termine: 23. Dezember, 14. - 16. Januar, 24. - 26. Februar, jeweils 20 Uhr.

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