Kultur : Das bewußte Unterbewußte

KNUT EBELING

In der Zeichentheorie gibt es einen alten Streit darüber, ob die Form der Wörter einen direkten Bezug zu ihrer inhaltlichen Bedeutung aufweist.Entweder die Wörter sind abstrakt und haben nichts mit ihren Inhalten gemein; oder sie sind allesamt konkret, und ergeben sich direkt aus ihrer Bedeutung.Das letztere ist der Fall bei den Arbeiten von Peter Friedl.Das gesamte Werk des in Berlin und New York lebenden österreichischen Künstlers setzt präzis an der Schnittstelle zwischen dem Innenraum der Kunst und ihren äußerlichen Rahmenbedingungen an.

Friedl thematisiert diejenigen Vorstellungen und Erwartungen, die unser Verständnis von Kunst prägen, ohne daß wir es merken.Seine Phantasmagorien des Kunstbetriebes erstellen ein Bild des Unterbewußten des Ausstellungskontextes.1997 installierte Friedl auf der letzten Documenta ein leuchtendrotes "Kino"-Schild über der Documenta-Halle, das falsche Erwartungen im korrekten Kontext erweckte.Das Schillern der Leuchtbuchstaben verhielt sich umgekehrt proportional zur Sachlichkeit der Ausstellungshalle, die von Cathérine David kurzerhand in eine Gesprächsplattform verwandelt worden war.

Ganz ähnlich ging Friedl in "La Bohème" vor, das im gleichen Jahr in Berlin gezeigt wurde (wo übrigens auch das "Kino"-Schild eine dauerhafte Bleibe in einem Galerien-Hinterhof in der Gipsstraße fand): Ein in Mitte verbreitetes Plakat erweckte verschiedene Erwartungen durch die unterschiedlichen Elemente, aus denen das Plakat zusammengesetzt war: "La Bohème" stand in großen Lettern unter einem Filmstill aus einem frühen Werk Francois Truffauts; verschiedene wohlbekannte Namen aus dem Kunstbetrieb gesellten sich neben das Bild; schließlich gab es eine konkrete Angabe von Ort und Uhrzeit.Mit welchen Erwartungen man auch in den Ausstellungsraum kam - sie wurden enttäuscht: Und zwar durch ein Podest, auf dem ausschließlich die Ausstellungsbesucher sich tummelten.

In beiden Fällen, in "Kino", wie in "La Bohème", ging es um Enttäuschung und Enttarnung des fiktionalen Rahmens, der unsere wirklichen Ansprüche an die Kunst unmerklich konditioniert.In seiner jüngsten Berliner Ausstellung in der Galerie Arndt & Partner thematisiert Friedl ebenfalls den Präsentationszusammenhang von Kunst.Und zwar bastelte er ein Modell des - von ihm eigenhändig angefertigten - Messestandes, mit dem die Galerie auf dem letzten "artforum" in den Berliner Messehallen vertreten war.Nur daß der in verkleinertem Maßstab gebastelte Schaukasten ein wenig ramponierter aussieht als das Verkaufsdisplay der Messe.Der vertrashte White Cube, der mit seinen unverfugten Preßspanplatten im Zentrum der Galerie steht, sieht in etwa so aus, als sei er nach der Messe in das Lager der Galerie gewandert.

Zu allem Überfluß steht der häßliche Kasten auch noch verkehrt herum: Aus dem Schaufenster ist eine monströse Sichtbehinderung geworden.So hält der Künstler seiner Galerie ihren Spiegel vor; und es ist, als würde er ihr mit seinem informellen Porträt den eigenen Abfall vor Augen führen (Preis auf Anfrage).Im Innenraum des Raumschrotts gibt es tatsächlich etwas zu sehen.Doch Friedl wäre nicht Friedl, würde er dort tatsächliche Werke mit Aura und Sinnhorizont plazieren.Stattdessen zeigt er, was man sonst nicht zeigt, und zwar in einem doppelten Sinne: Auf drei Fotos präsentiert er nicht nur drei Paar Maßschuhe samt ihren Trägern, zwei Kuratoren und sich selbst; Friedl enthält sich darüber hinaus auch der leicht indiskreten Information nicht, daß die drei Paar Edeltreter mit dem Etat von 10 000 Mark angefertigt wurden, den Friedl vom österreichischen Kulturminister für die Ausrichtung einer Ausstellung erhalten hatte - auch eine Art von Kunst im öffentlichen Raum (Preis je Foto 5000 Mark).

Friedl läßt keinen Stein der Konventionen aufeinander.Der äußere Rahmen der Kunstausstellung - jenes anonyme Gerüst aus Selbstverständlichkeiten - wird von ihm in einer Weise mit einbezogen, daß das Außen des Kontextes ganz das Innen der Werke bespielt.Die Intervention Friedls besteht konkret darin, dem eine Sichtbarkeit und Materialität zu geben, was sonst transparent und immateriell ist - das ist seine Version des Slogans von der Materialität der Zeichen.Zuletzt zertrampelt Friedl auch die letzte der Illusionen des autonomen Kunstwerks, den Titel.

Auf eine Wand der Galerie pinselt er sieben mögliche Titel von Kunstwerken, verzichtet aber auf die Präsentation der dazugehörigen Werke.In Abwesenheit der Werke verkümmern die Titel von auratischen Schöpfungen zu abfallreifem Material für den Reißwolf.Der Einblick in den Papierkorb der Kunst verkehrt die Ökonomie des Kunstschaffens dahingehend, daß von Friedl verausgabt wird, woraus normalerweise der Wert des Werkes geschaffen wird - auch eine Art des "Holzfällens", wie Thomas Bernhard es gern gesehen hätte.

Galerie Arndt & Partner, Auguststraße 35, bis 21.Mai; Dienstag bis Sonnabend 12-18 Uhr.

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