Kultur : "Das Bild: Image, Picture, Painting": Das Bild vom Bild

Knut Ebeling

Was ist ein Bild? Ist ein Bild alles, was wir sehen oder alles, was gerahmt ist? Ist ein Bild das, was im Fernsehen gezeigt wird oder was künstlich manipuliert ist? Oder ist ein Bild schlicht das, was Künstler machen? Die Frage nach dem Bild ist vor allem ein Dilemma - besonders, wenn immer noch in klassisch philosophischer Manier nach dem Bild im Singular gefragt wird, anstatt die Frage auf die Bilder auszuweiten. Dieses Dilemma erlebten auch die Teilnehmern deshochkarätig besetzten Symposiums in der Akademie der Künste.

Um dem Vorwurf des philosophischen Reduktionismus aus dem Weg zu gehen, hatte man das von der Akademie, der Deutschen Gesellschaft für Ästhetik und der International Association for Aesthetics ausgerichtete Treffen von vornherein "Das Bild: Image, Picture, Painting" getauft. Von diesem Titel, dem in seiner klargezeichneten Unklarheit noch der Untertitel "Philosophie, Wissenschaften, Malerei, Medien" hinzugefügt wurde, brauchte sich niemand ausgeschlossen zu fühlen. Und so traten die Philosophen und Kunsthistoriker, Naturwissenschaftler und Künstler ein erneutes Mal an, um eine der zentralen Fragen der klassischen Ästhetik wenn schon nicht zu beantworten, dann doch wenigstens zu präzisieren.

Präzisiert worden war die Debatte um das Bild in jüngster Zeit vor allem von dem - nicht anwesenden - amerikanischen Kunsthistoriker W. J. T. Mitchell. Der hatte nach dem französischen Philosophen J. F. Lyotard in seinem vielbeachteten Aufsatz "The Pictorial Turn" ein Ende des "linguistic turn" gefordert, in dessen Bann die Kunstwissenschaft nach Strukturalismus und Poststrukturalismus stehe. Anstatt die Bilder immer nur in Wörter zu übersetzen, um die Bilder vom Joch des Lesens und vom Paradigma der Lektüre zu befreien, solle man die strikte Opposition zwischen Bild und Text aufbrechen und die Dinge dialektischer sehen.

Diese Polemik kam allerdings nur noch in der Einführung durch Karlheinz Lüdeking (Nürnberg) vor - danach ward besagter Mitchell in keinem Beitrag mehr gesichtet. So schien das Symposium in Abwesenheit des Amerikaners die Aufgabe einer Revision anzustreben und die Frage nach dem Bild doch ohne piktoriale Beteiligung stellen zu wollen. Ob beabsichtigt oder nicht - jedenfalls fielen folgenden Beiträge weit hinter Mitchell zurück. Am weitesten hinter Mitchell zurück ging der Münchner Philosoph Oliver Scholz, der zu Beginn des Symposiums eine Begriffsklärung verschiedener Bildbegriffe unternahm. Ohne eine Hinzunahme medialer oder - wie einen Tag später vom Karlsruher Kunstwissenschaftler Hans Belting gefordert - anthropologischer Daten illustrierte Scholz genau die linguistisch orientierte Frage nach dem Bild, die von Mitchell attackiert worden war.

Auch der Berliner Philosoph Robert Kudielka und der Wiener Kunsthistoriker Friedrich Teja Bach zapften für das Bild den Text der abendländischen Philosophie an. Während sich beide auf Platon bezogen, überraschte Bach mit der kühnen neoplatonischen These, die Perspektive der abendländischen Malerei sei eine Analogie zu Platons Dialog "Kratylos". Damit unternahm Bach den seit Erwin Panofsky immer wieder angestrebten Versuch, das Bild aus dem ihm zugrundeliegenden philosophischen Text zu rekonstruieren. Zugunsten seiner verwegenen Lesart einer Geburt der Perspektive aus dem Geist der Philosophie warf auch Bach alles piktoriale Gepäck des Kunsthistorikers schnell über Bord.

Seltsamerweise konnten diejenigen Teilnehmer des Symposiums die Frage nach dem Bild am anschaulichsten konkretisieren, die das Wagnis eingingen, sich von ihr am weitesten zu entfernen: So der Neurochirurg Detlef B. Linke (Bonn) und Timon Screech (London), der über mechanische Sehweisen im Japan der Shoguns berichtete: Während die europäische Malerei auf der Originalität der "essential copy" (Norman Bryson) beruhe, sei das japanische Bild auf eine Annäherung ans Leben, an die Lebensähnlichkeit aus. Auch wenn der von ihmeröffnete Dualismus zwischen Originalität und Lebensechtheit in dieser Weise nicht aufrechtzuerhalten ist, so konnte Screech über den Umweg Japan doch demonstrieren, worin das Eigene der europäischen Tradition liegt.

Dass diese bei weitem nicht auf Norman Brysons Begriff der "essential copy" zu reduzieren ist, zeigte Bridget Riley, die einzige am Symposium teilnehmende Künstlerin. Mit ihrem Diavortrag über ihre konkrete und minimalistische Malerei beantwortete die Praktikerin indirekt die Frage, an der alle Theorie scheitern muss. Während alle Assistenten ihre Dias von minimalistischen Gemälden verkehrt herum projizierten und ewig am Diaprojektor herumnestelten, wusste allein die Malerin, wie ihre Punkte, Streifen und Muster richtig herum in den Diaprojektor einzuführen waren. Hier war das Bild ganz einfach das konkrete Wissen um richtig oder falsch, so dass man mit Riley und Wittgenstein - und vielleicht auch mit Mitchell - hätte sagen mögen: Das Bild ist das schlichte Wissen um seinen Gebrauch.

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