Kultur : Das bisschen Fleisch

Ein Sack voll griechischer Erzählungen: Morgen liest Panos Karnezis in Berlin

Ulrike Baureithel

Jeden Tag steigt Major Porfirio in den Sattel eines alten Fahrrads und tritt in die Pedale. Er treibt damit einen Morsetelegrafen an und versucht, den Kontakt mit dem griechischen Oberkommando herzustellen – vergeblich. Porfirios versprengte Truppe hat sich, von Nachschub und Nachrichten abgeschnitten, in der anatolischen Wüste hoffnungslos verirrt. Der Proviant wird knapp, die Soldaten sind unterernährt und erschöpft, die Disziplin versandet. Fast täglich tauchen geheimnisvolle Flugblätter auf, die die Moral der Truppe aushöhlen sollen. Dann verschwinden plötzlich die Luxusgüter des Brigadiers Nestor und schließlich sogar ein Pferd. Das allerdings wird sich als der einzige Glücksfall in diesem katastrophalen Feldzug erweisen.

Das historische Szenario, das der griechische Schriftsteller Panos Karnezis in seinem Roman „Der Irrgarten“ eröffnet, dieser Sommer 1922, als sich die griechischen Verbände aus Kleinasien zurückziehen und die eroberten Gebiete dem türkisch-osmanischen Reich überlassen müssen, wirkt eigentümlich fremd. Obwohl alle Daten historisch verbürgt sein mögen (auch wenn es 1922 noch keine Kühlschränke gab, in denen Filmplatten hätten aufbewahrt werden können!), entführt dieser „Irrgarten“ in die Welt der Märchen und Fabeln, wo Tiere denken und sprechen und die Menschen agieren wie von Geisterhand bewegt.

Der morphiumsüchtige Nestor etwa, dem die griechische Mythologie näher zu sein scheint als seine Untergebenen; Porfirio, der zwar an den militärischen Kodex glaubt, sich aber noch einer ganz anderen Sache verschrieben hat; der in höchstem Auftrag handelnde Pater Simeon, den seine Berufung auf Abwege führt; ein liebestrunkener Unteroffizier, den die Einsamkeit in die Arme der Politik und ins Verderben treibt; schließlich der Truppenarzt, der mit seiner Wissenschaftsgläubigkeit noch am ehesten Anschluss an die Moderne findet.

Die eine oder andere Figur mag dem Leser bekannt vorkommen aus den „Kleinen Gemeinheiten“, die den in London lebenden Autor, der seine Werke selbst ins Englische übersetzt, auf Anhieb bekannt gemacht haben. In dieser Erzählsammlung spielt der 1967 geborene Karnezis seine Stärke aus: ausschweifend-farbenfrohe Geschichten, treffende Miniaturen mit überraschenden Wendungen, die Schlaglichter auf die griechische Gesellschaft werfen, die eigensinnig an ihren dörflichen Traditionen festhält.

Was die erzählerische Fantasie dort allerdings locker in einen magischen Bogen aufzuspannen vermag, reicht für den epischen Zug des Romans nicht aus. Die Geschichte von der versprengten Truppe, die in eine vom Krieg unberührte Stadt einfällt und schließlich einen Exodus ihrer Bewohner provoziert, zerfällt in eine Unzahl kleiner, teilweise brillant fabulierter Stücke, eingebettet in kluge Sentenzen. „Die Tugend“, gibt beispielsweise der Pater zu Protokoll, „ist selber eine Ratte. Kaum will man ihr beikommen, ist sie schon wieder entwischt. Und wenn man ihr nicht nachjagt, kommt sie des Nachts und nagt einem die Ohren ab.“

Doch die Einzelschicksale werden weder von der Dramatik der Ereignisse noch von der Tiefe der Charaktere zusammengehalten. Man nimmt dem Brigadier vielleicht noch die Morphiumsucht als Folge des von ihm veranlassten Massakers ab; aber was Porfirio in den kommunistischen Untergrund getrieben hat, bleibt so unverständlich wie sein Clinch mit dem aristokratischen Flieger Kinon. Die Stadthure Violetta, die den um Neutralität bemühten, sonst etwas dümmlichen (!) Bürgermeister und den schlauen (!) Schulmeister gegeneinander ausspielt, erstarrt im Klischee. Selbst das bisschen Fleisch, das der Autor dem „niederen“ Personal, Jussuf und Amina, ansetzt, kommt nicht wirklich zur Entfaltung. Richtig ärgerlich wird es, wenn Karnezis die unterdrückten Türken, die die Stadt am Ende wieder in Besitz nehmen, als brandschatzende Vandalen vorführt.

So verlieren in dem Irrgarten von Geschichten nicht nur die Figuren, sondern auch der Erzähler die Richtung. Denn eigentlich hatte Karnezis davon erzählen wollen, wie ein Massaker an unschuldigen Zivilisten eine ganze Truppe traumatisiert. Und wie „die Zeit und ein paar talentierte Erzähler“ (in diesem Fall ein skrupelloser Journalist, der Nestor verspricht, seinen Namen zum Mythos zu machen) „dem schimpflichen Finale des Krieges einen heroischen Schlusssatz“ komponieren. Diesen Faden aber bekommt der Leser nur gelegentlich zu fassen. Es geht ihm wie Major Porfirio: Der wartet auf dem Bahnhof der Revolution, doch statt der Lok, die hinter das Geschehen Volldampf setzte, wird die Erzählmaschine nur von einem gemächlich dahinschlingernden Fahrrad angetrieben.

Panos Karnezis: Der Irrgarten. Roman. 358 Seiten, 14,50 €. Kleine Gemeinheiten. Erzählungen. 277 Seiten, 16 €. Beide aus dem Englischen von Sky Nonhoff. Dtv Premium, München. – Der Autor liest morgen um 20 Uhr in der Griechischen Kulturstiftung Berlin, Wittenbergplatz 3a.

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