Kultur : Das Blatt ist das Werk

F. C. Gundlach feiert seinen 80. Geburtstag mit einer Ausstellung in Berlin

Ulrich Clewing

Wer das Glück hat, den Fotografen F. C. Gundlach während der Vorbereitung zu seiner Ausstellung in der Galerie Kicken Berlin zu treffen, bekommt erst mal einen Vortrag über die verschiedenen Drucktechniken mit ihren jeweiligen Vor- und Nachteilen. Zum Beispiel das Verblassen der Farben bei fortschreitender Lebensdauer eines Abzuges, eines der großen Probleme der Fotografie: „Mit dem Dye-Transfer ist das gelöst.“ Warum? „Bei herkömmlichen Methoden der Entwicklung ist immer Chemie im Spiel, doch das fällt hier weg, da die Farben auf einer Eiweißlasur basieren und als Bildträger saugfähiges Barytpapier verwendet wird.“ Ergo: „Das Blatt erlangt dadurch eine Haltbarkeit, die vergleichbar ist mit der eines Aquarells.“ Und das ist ein unschätzbarer Vorteil, denn: „Das Blatt ist das Werk.“ Allerdings gibt es auch einen Nachteil: „Dabei kann man natürlich auch manipulieren.“

Es ist schon merkwürdig. Da sitzt einer der größten Stilisten der deutschen Modefotografie vor seinen Bildern, und es geht nicht um Posen, Farben, das Lebensgefühl einer Generation. Sondern um die Errungenschaften einer Technik, die eingeführt wurde, als der Ehrengast kurz vor der Pensionierung stand. Andererseits hat F. C. Gundlach, der am 16. Juli seinen 80.Geburtstag feiert, derzeit allen Grund, dem Dye-Transfer-Verfahren einen kleinen Exkurs zu widmen. Anlässlich seiner Ausstellung mit Fotografien der fünfziger und sechziger Jahre hat die Galerie Kicken ein aufwändig gedrucktes Portfolio ediert, in dem zehn Motive en bloc zu haben sind. Das Resultat ist umwerfend: Schöne junge Frauen swingen in Minikleidern durch das Bild, der Hintergrund besteht aus aufgeklebten weißen Wolken, einem hellgelben Himmel und blau-weiß-roten BauklötzchenHochhäusern – und die Farben leuchten so klar und kräftig, als wollten sie aus dem Foto heraustreten, um selbst ein bisschen mitzuswingen (Aufl. 15, 15 000 Euro).

F. C. Gundlach ist der Mann, der den Frauen zuerst die Pop-Art brachte und dann den Hippie-Chic. Seit 1963 arbeitete er hauptsächlich für die „Brigitte“. Einige Zeit war der Fotokünstler damit der wohl mächtigste Image-Erfinder der Republik. Er wurde von vielen kopiert und in seiner spielerischen Leichtigkeit von den wenigsten erreicht. Die Zahl seiner publizierten Zeitschriftenseiten summiert sich auf enorme 5600 Stück, dazu kamen „zwischen 150 und 160 Titelgestaltungen“. Dass die 16 Arbeiten, die jetzt zusätzlich zum Portfolio bei Kicken gezeigt werden, davon nur ein winziges Substrat sein können, ist klar. Doch sind sie geeignet, eine ganze Epoche aufscheinen zu lassen: jene Jahre, in denen die Farbklänge Orange und Blau, Gelb und Lila zum guten Ton gehörten, in denen das Psychedelische in progressive deutsche Haushalte Einzug hielt und die Haare der Mädchen so kurz waren wie die Röcke, die sie trugen. Bildende Kunst, Tanz, Fotografie – seinerzeit fingen die Dinge an, alle irgendwie miteinander zusammenzuhängen.

Für eine reizvolle Kombination aus Hut, knappem Jeansmantel und spektakulären Karo-Pumps projizierte Gundlach ein Gemälde von David Hockney hinter das Modell („Ines Kummernuss in Jeansstoffkleid vor David Hockney-Projektion, Hamburg 1969“, Cibachrome-Abzug von 1990, Aufl. 10/6500 Euro). Ein andermal machte er seine Pop-Art-Deko selbst. Im Bild „Alles in Silber“ von 1971 ist tatsächlich fast alles in Silber, das Kleid und die Schuhe eingeschlossen: Gundlach ließ das Set komplett in Alufolie ausschlagen. In Werken wie diesen erweist sich Gundlach als Meister von Arrangements, die in ihrer exaltierten Künstlichkeit einen seltsamen Umkehreffekt heraufbeschwören – das Artifizielle ist das Authentische.

Galerie Kicken, Linienstr. 155, bis 9. September, Di. bis Sa. 14–18 Uhr.

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