Kultur : Das blaue Band der Freiheit

Magische Bilder aus dem Iran: „Der Tag, an dem ich zur Frau wurde“ von Marzieh Meshkini

Kerstin Decker

Man glaubt, den Zauber zu kennen, aber er wirkt jedesmal neu. Als ob das iranische Kino ein magisches Auge besäße. Dieses Auge hat einen Namen: Mohsen Makhmalbaf. Jeder, der mit Makhmalbaf in Berührung kommt, scheint mit der Gabe magischen Sehens beliehen zu werden. Seine Frau, die Tochter oder jetzt Marzieh Meshkini. Makhmalbaf hat „Der Tag an dem ich zur Frau wurde“ produziert, und er sieht aus wie ein typischer Makhmalbaf-Film. Bloß eine Kopie? Das Wort fällt ins Leere. Was so viel Kraft hat wie dieser Film, kann keine Kopie sein.

Es gibt Regeln fürs magische Sehen. Regel Nr. 1: bloß nicht zu viele Bilder. Menschen, die zu viele Bilder haben, sehen am Ende gar nichts mehr. Am besten nur ein einziges Bild. Oder, sagen wir, drei. Etwa ein Junge hinter einem Gitterfenster. Und ein kleines Mädchen davor im Sand. Das kleine Mädchen hat einen Lutscher in der Hand, manchmal lässt es den Jungen daran lecken. Erst sie, dann er. Bis das Bonbon am Stiel alle ist. Wir sehen das ungefähr in Echtzeit, und man ist sicher, dass es nichts Sehenswerteres gibt. Was für eine Zuckerwasser-Kommunion! Hava ist neun. Sie hat einen Stock in den Sand gesteckt. Wenn die Sonne den Schatten aufgegessen hat, kommt die Mutter und nimmt sie mit nach Hause. Heute ist sie zum letzten Mal beim Jungen hinter dem Gitterfenster. Denn ab morgen gilt sie als Frau und muss hinter dem schwarzen Schleier verschwinden.

Und so wie Yahoo schaut sie vielleicht eines Tages wieder dahinter hervor. Yahoo – zweite Episode – fährt Fahrrad. Sie ist ein rasendes schwarz verschleiertes Fanal, immer auf der Küstenstraße entlang. Aber sie ist nicht das einzige. Die Straße ist voll von Vermummten in Höchstgeschwindigkeit. Das hier ist ein iranisches Frauenradrennen. Wunderbar skurril. Über die besondere Technik, mit den wehenden schwarzen Gewändern nicht in die Speichen zu kommen, erfahren wir nichts. Das blaue Band des Meeres und daneben das schwarze Band einer Frauen-Prozession – irgendwann glaubt man, beide sind unendlich. Genügt das nicht für einen Film, nur Fahrrad und Meer und Yahoo? Aber es gibt noch etwas. Es gibt Pferde. So wie Marzieh Meshkini hat vielleicht noch keine Pferde fotografiert. Oder sagen wir: das Reiten als apokalyptisches Ereignis.

Fahrräder – und damit der Fortschritt? – gehören den Frauen, Pferde den Männern. Yahoos Mann nähert sich dem schwarzen Zweirad-Band zu Pferde, sie soll absteigen. Sie hat nicht seine Erlaubnis zum Radfahren. Die Schande! Aber Yahoo blickt starr geradeaus. Immer mehr Reiter kommen ... Yahoo fährt Fahrrad.

Vielleicht haben die alten Frauen es am besten. Vor allem, wenn sie plötzlich reich geworden sind. „Der Tag, an dem ich zur Frau wurde“ ist auch ein Generationen-Porträt. Irgendwann sitzt die Alte am Strand, mit Badewanne, Kühlschrank und Himmelbett, vor sich das Meer. Ein paar Radfahrerinnen setzen sich zu ihr. Ist da nicht Hava, ganz vorn am Wasser?

In Berlin in den Kinos fsk, Hackesche Höfe und Neue Kant Kinos (alles OmU)

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