Kultur : Das Böse gegen das Gute

Denise Dismer

Die Religion, davon ist Hans Magnus Enzensberger überzeugt, hat Hochkonjunktur. "Es ist ein in Europa verbreiteter Irrtum, dass die Geschichte der Religionen mit der Aufklärung zu Ende ging." Heute gebe es viele Religionen, zum Beispiel sei "Amerika eine Religion", in der das "Böse gegen das Gute" kämpft und von "Kreuzzügen" die Rede ist. Aus diesen religiösen Vorstellungen entstehe ein kultureller Konflikt. Um diesen Konflikt zu überwinden, haben Enzensberger und der iranische Schriftsteller Mahmud Doulatabadi im Haus der Kulturen der Welt Platz genommen, "Auf dem Diwan" - so der Titel des vom Goethe Forum mitveranstalteten Gesprächsabends.

Für Enzensberger ist der "Dialog der Kulturen nicht schwierig", und Doulatabadi bestätigt: "Es sind vielmehr die wirtschaftlichen und politischen Interessen, die sich widersprechen." Enzensberger war im September beim Goethe-Institut in Teheran zu Gast und stellte fest, dass die hiesigen Vorstellungen vom Iran falsch sind. "Die Leute haben heute keine Angst mehr zu sagen, was sie denken, es gibt eine neue Bewegung im Iran", sagt Enzensberger. "Sie wollen eine Veränderung, aber nicht durch Gewalt, sondern durch Erosion."

Eine Lösung für die Probleme im Iran, so Doulatabadi, sei der innere Dialog. Hierbei spielen die Schriftsteller eine wichtige Rolle. "Sie sind dort viel wichtiger als bei uns, man merkt das an der Bewunderung, mit der die Leute über sie sprechen. Das ist keine Sache von Akademikern und Intellektuellen", berichtet Enzensberger. Die falschen Vorstellungen gegenüber der Literatur von Seiten der Macht im Iran wollten er und seine Kollegen ändern, so Doulatabadi. Nicht ganz einfach, denn "ein Schriftsteller kann tatsächlich eine große Gefahr sein".

Besonders einigen gebürtigen Iranern im Publikum erscheint das harmonische Einverständnis der beiden Schriftsteller suspekt. Der Dialog der Kulturen existiere überhaupt nicht, behauptet einer, denn sonst wären an diesem Abend viele interessierte deutsche Schriftsteller anwesend. Doulatabadi stimmt zu, es handele sich wohl doch eher um eine "Einbahnstraße in der Kultur". Enzensberger plädiert deshalb dafür, statt in Konferenzen und Reisen in "Brückenbauer" zu investieren - in Menschen also, die es sich zur Lebensaufgabe machen, zwischen den Kulturen zu vermitteln. Ob es nicht Aufgabe der Schriftsteller sei, zum "christlichen Fundamentalismus, also Bush" und zum "jüdischen Fundamentalismus, also Scharon" Position zu beziehen, fragt ein anderer Gast. "Schriftsteller sind nicht die besseren Menschen", lautet Enzensbergers Antwort, "sie sind keine moralische Hoheit, die der Welt sagen kann, was sie tun soll."

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