Kultur : Das Böse und das Biedermeier

Das amerikanische Generalkonsulat in Hamburg liegt an einer der schönsten Straßen der Hansestadt: Der Harvestehuder Weg führt an den Parkanlagen der Außenalster entlang, gibt den Blick auf Segelboote, die Schiffe der weißen Alsterflotte, auf Villen und grünspanige Kupferdächer frei. Normalerweise fahren hier die Sightseeing-Busse entlang, und zur Weihnachtszeit prangt das schneeweiße, klassizistisch säulengeschmückte Gebäude hinter seinen schmiedeeisernen Gittern mit einem riesigen buntleuchtenden Weihnachtsbaum, ein Bild von Luxus und Harmonie.

Normalerweise! Denn seit dem 11. September ist die Straße durch Sperren und Polizeiautos abgeriegelt, die schönste Verbindung zwischen City und Eppendorf mit ihren Prunkbauten gekappt. Natürlich zerreißt man sich darüber das Maul: die Amis, ja! Könnten sie mit ihrem Konsulat nicht in einer ruhigeren Lage residieren, monatelang ist alles gesperrt, ein Ende nicht abzusehen, jedenfalls bevor der "Krieg gegen das Böse" nicht vorbei sei. Und war das nicht öfter schon so, während des Golfkriegs beispielsweise, als sich immer wieder "Kein Blut für Öl"-Demonstranten mit Transparenten sammelten. Oder während die Nato im Kosovo-Krieg Serbien bombte. Die Amerikaner sind immer dran.

Vielleicht, nein, nicht vielleicht, sondern sicher haben sie sich das selber zuzuschreiben. 11. September, schön und gut, aber übertreiben das die Amerikaner nicht? Und jetzt ist schon wieder der Irak dran, wie damals, als die Demonstranten "Kein Blut für Öl!" skandierten. Gut, gerade hat man in Rom aufgedeckt, welchen irrwitzigen Giftgasanschlag der arabische oder islamische Terror gegen die US-Botschaft in Rom plante, aber, wie gesagt, das haben sich die USA selber zuzuschreiben, und was haben wir eigentlich damit zu tun?

Der erste und am leichtesten nachvollziehbare Grund des gegenwärtig wieder virulent gewordenen Anti-Amerikanismus (der, laut Umfragen, 80 Prozent der Deutschen befallen hat, indem sie die momentane Haltung und Politik Bushs und seiner "Falken" missbilligen) ist das Bedürfnis, nicht involviert, nicht herangezogen zu werden. "Uneingeschränkte" Bündnistreue okay, aber warum sollte sie zu Unbequemlichkeiten, ja gar Gefährdungen führen.

In Gesprächen mit den neuen, alten Antiamerikanern wird schnell klar, was gemeint ist. Da wird dann, meist hinter vorgehaltener Hand, argumentiert, die islamischen Terroristen würden den Teufel tun und europäische Ziele für ihre Anschläge suchen. Die wollen uns doch nicht auf die Seite Amerikas treiben, heißt es. Was man nicht sagt: Wir dürfen nur nicht so tun, als wären wir dort schon. Wir sind keine Satelliten, heißt die Fischer-Formel. Und wenn wir mitkämpfen, zum Beispiel an der Seite von britischen und amerikanischen Eliteeinheiten, um Bin Laden aufzuspüren, dann bitte möglichst heimlich. Und wenn es auffliegt, verhalten wir uns wie ertappte Sünder.

Aus dem Windschatten

Natürlich weckt die "uneingeschränkte Solidarität" (Schröder) hierzulande auch unangenehme Reminiszensen: Gab es in Deutschland nicht, etwa gegenüber der Habsburger Monarchie, die "Nibelungentreue" - das uneingeschränkt Dumpfste, was sich an Vasallenschaft bis in den gemeinsamen Untergang denken lässt? Nein, das ist schon nicht unangenehm, wie sich die öffentliche Meinung hier, um sich möglichst aus allen Inkommoditäten rauszuhalten, von Kreuzzugs-Mitmachpathos freihält.

Wir wollen nicht mehr, und wir haben dazu allen Grund. Die Dresdner Frauenkirche, Symbol und Fanal eines in aller grausigen Konsequenz geführten Krieges, ist noch immer nicht wieder aufgebaut (was das Schlusssymbol des wiederhergestellten Friedens wäre), die Wiedervereinigung gerade mal ein Dutzend Jahre alt (was das Ende der Kriegsfolgen für Deutschland symbolisiert), der Kalte Krieg, unter dem wir, mit Mauer, Stacheldraht und Todesstreifen, geteiltem Berlin und gespaltenem Land, am nachhaltigsten gelitten haben - und schon soll es wieder losgehen. Und ist nicht (ausgerechnet!) Nordkorea, das letzte Frontbegradigungsopfer des Kalten Krieges, zur "Achse des Bösen" zugerechnet worden? Geht alles wieder von neuem los?

Wir wollen friedliche Sorgen wie die um die Alterspyramide, die Arbeitslosenzahlen, die wirtschaftlichen Folgen der Globalisierung, die Reform des Gesundheitswesens. Das ist verständlich, aber es sind die Sehnsüchte eines neuen Biedermeier, das die Stürme der Welt bei Kaffee und Kuchen, bei Stütze und Steuerflucht aussitzen möchte.

1989 fuhr ich, wie jedes Jahr, zur Buchmesse. Auf dem riesigen Bahnhof sah ich zum ersten Mal "Kettenhunde": Bundeswehr-Militärpolizei, die nach über die Stränge schlagenden Soldaten suchte. Ich hatte da, Jahr für Jahr, die Patrouillen der amerikanischen Militärpolizei mit ihren weißen MP-Armbinden gesehen, als Zeichen militärischer Oberhoheit im wichtigsten ehemaligen "Frontabschnitt" des Kalten Krieges, der Pforte zwischen Thüringen und Hessen. Ich erschrak, weil mir auch optisch klar wurde, dass die Zeiten vorbei waren, in denen wir uns hinter dem großen Bruder USA in den Windschatten ducken konnten.

Die Jahre der Studentenrevolte, der Anti-Springer-, der Anti-Vietnam-Demonstrationen fielen mir ein, als wir ein klitzekleines bisschen Bürgerkrieg simulierten, immer in dem Bewusstsein, Amerika würde uns nicht nur vor dem, Gott behüte! in Sprechchören sehnsüchtig herbeiskandierten Sozialismus bewahren, sondern auch unsere anti-amerikanischen Reflexe unter seine großen Fittiche nehmen. Ich fürchte, in jener Zeit ist unsere schreckliche "Als ob"-Moral entstanden, die laut schreien konnte, weil sie in Wahrheit zahlungsunfähig war. Oder soll man besser sagen: zahlungsunmündig.

Jetzt, wo es ans Zahlen gehen soll, wollen wir so nicht gewettet haben. Der Satz, dass wir keine Satelliten seien, zeigt die Sehnsucht nach dem zwar unwürdigen, aber kuschelig bequemen Satelliten-Zustand. Und das Heimweh nach dem Biedermeier mitten in den Fährnissen der Weltkonflikte, dies Sehnen nach der Unverantwortlichkeit zeigt sich in wilden moralischen Blähungen, die sich nicht genug darüber aufpumpen können, dass Bush angeblich aus der Hüfte schießt, natürlich nach Cowboy-Manier, und gegen den Irak einen sinnlosen Krieg anzettelt. Ist Tony Blair ein ähnlich skrupelloser Kriegstreiber? Und nicht mehr als Sozialist der engste Geistesverwandte unseres Kanzlers? Hat England, demgegenüber wir wahrlich keinen Grund haben, den Moralapostel rauszuhängen, auf einmal einen Anfall von blinder Kriegslüsternheit?

Das "Reich des Bösen", die "Achse des Bösen", das mögen propagandistische Formulierungen sein, über die der wiedererwachte deutsche Feinsinn mit Recht die Nase rümpft. Dass aber Nordkorea, der Iran und Irak besonders finstere Ecken der Welt sind, die ihrer Bevölkerung zur totalen Repression auch noch das Elend schenken, darf die USA in dem Moment interessieren, wo Korea sich als Raketenlieferant an Terroristen, Iran sich als Schlupfwinkel für Al Qaida-Terroristen sowie als Waffenschmuggler für die radikalen Palästinenser und der Irak sich als Erzeuger chemischer und biologischer Waffen erweist. Arafat hat dieser Tage Saddam Hussein aufgefordert, seinen bedrängten Selbstmordkriegern zu Hilfe zu kommen.

Die Söhne der Reichen

Die deutschen Pazifisten und Antiamerikaner mögen die barsche Rhetorik Bushs über Gut und Böse ablehnen. Salman Rushdie, der weiß, wovon er spricht, hat die islamischen Terroristen als die bösartigsten Träger der bösartigsten Gedanken gekennzeichnet. In der Tat möchte man Menschen, die andere als taktische Selbstmordbomben schärfen und entschärfen, je nachdem, in ihrem unüberbietbaren Zynismus als Inkarnation des Bösen empfinden dürfen.

Die Armut, so argumentieren wir Westeuropäer, das vom Kapitalismus verschuldete Elend in islamischen Ländern sei der Grund dafür. Die Armut, die die ölreichste Region der Welt aufgrund diktatorisch korrupter, mit mittelalterlichem Glauben zementierter Herrschaft perpetuiert? Als ob die Terroristen nicht als Söhne aus den Öl-Oligarchien hervorgegangen wären!

Wer Videos sieht, die einen amerikanischen Journalisten mit voyeuristischer Schamlosigkeit filmen, während ihm der Kopf abgeschnitten wird, nachdem er vorher sagen musste: "Ich bin Jude!", und nicht sieht, dass es, inmitten einer schwachen, dekadenten, ausbeuterischen, ungerechten Welt, auch noch "das Böse" gibt, der stellt sich blind - aus Bequemlichkeit.

Ich weiß nicht, ob sich Franziska Augstein, die notorische Anti-Amerikanerin der "Süddeutschen Zeitung" bei Ansicht dieses Videos nicht wenigstens einen Augenblick dafür schämt, geschrieben zu haben, Amerika würde seine Gefangenen so behandeln, wie es die Terroristen tun.

Im Übrigen: Zum Bösen gehört, unbedingt, seine journalistische Verharmlosung.

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